Dienstag, 20.01.2004
Rest vom Januar-Bericht
Am ersten Freitag in diesem Monat habe ich hier einen kleinen ?Staatsstreich? geführt und bin meiner AA-Familie unwissender Weise in den Rücken gefal-len, habe alle fast in Angst und Schrecken versetzt! An diesem besagten Freitag hatten wir abends eine Tanzgruppe eingeladen und alles ist etwas schief gelaufen. Erst einmal kam die Gruppe viel zu spät und dann fehlte, das wichtigste Band-Mitglied ? der Gitarrist. Er hatte es sich ein paar Stunden vor der Vorführung doch anders überlegt und konnte nur nach längeren Überredungskünsten von seinen Kol-legen und M. Nyame zum Spielen überredet werden. Dann war es aber schon zwei Stunden nach dem angekündigten Termin und dem entsprechend, wa-ren kaum noch Zuschauer da..... Manchmal läuft halt alles anders als man es plant! Ich war also ein wenig frustriert und bin ich ganz spontan mit zwei jungen Männern, die öfters bei AA sind und mit denen ich schon einmal etwas unternommen hatte, etwas trin-ken gegangen. Meine ewige Begleitung Teclaire war zu müde ? also bin ich das erste Mal alleine los und habe mir nichts Böses dabei gedacht. Der Abend hat dann noch ein nettes Ende genommen und ich wurde brav bis vor meine Haustür begleitet und dort sittlich verabschiedet. Am nächsten Morgen hatte sich mein Ausflug schon herumgesprochen ? mit wem war die Julie ganz alleine unterwegs??! Meine Mayan II, Madame Kum?a Ndumbe III wurde mehrmals darauf-angesprochen, bei M. Nyame wurde nachgefragt, etc.... Wie schon berichtet bin ich Bonabéri sehr be-kannt und durch dieses Erlebnis wurde mir das mal wieder sehr bewusst! Und dann kamen die kleinen Standpauken und wirklich jeder wusste etwas dazu hinzu zufügen! Erst einmal darf ich niemanden ver-trauen, dann hatten die Beiden anscheinend einen nicht gerade sehr positiven Ruf und dann darf ich einfach niemals ganz alleine abends weggehen, wenn ich nicht die ausdrückliche Erlaubnis meiner AA-Familie habe. Im Nachhinein konnte ich sie ja verstehen, sie machen sich Sorgen, sie haben die Verantwortung für mich und ich kann die Lage ja wirklich nicht einschätzen... Bloß manchmal fühlte ich mich so eingeengt und unselbstständig! Auf die-ses Erlebnisse und der Rückkehr des Prinzen Kum?a Ndumbe III aus Europa folgten lange Diskussionen in denen ich mir wieder meiner besonderen Lage be-wusst wurde. Noch nie hatte eine Praktikantin direkt in seiner Familie gelebt - alle waren nun etwas hilflos, wie sie mit dieser Lage umgehen sollten. Ich hatte auf einmal ein ?Deja-vue?, welches ich eigentlich nie bewusst erlebt hatte. Den Schritt, sich von seinen Eltern zu lösen, ihnen Vertrauen über die eigene Verantwortlichkeit zu geben, die Vereinbarung, wann man wieder zu Hause sein soll, etc., da in meiner deutschen Familie sich diese Fragen schon seit lan-gem ganz natürlich gelöst hatten.... Sehr spannend! Aber irgendwann erlebt man ja alles in seinem Le-ben, bei manchen früher, bei manchen später. Fazit der Diskussionen: ?Julie, sei VORSICHITG, halte Augen und Ohren immer offen, aber lebe, mache deinen eigenen Erfahrungen!? Daran halte ich mich, fühle mich freier, haben das Vertrauen meiner Fami-lie und entdecke nun auch endlich das Nachtleben Douglas.
Dann gab es ja am 7. Dezember das große traditio-nelle Fest der Küstenvölker Kameruns: den NGondo. Meine Vorbereitungen hatten schon fast zwei Wo-chen vorher angefangen, denn zu diesem Anlass wollte ich meine erste richtige Kabba tragen. Die Kabba ist ein traditionelles Gewand, das aber nicht nur zu diesen Anlässen, sondern auch im Alltag ge-tragen wird. Sie ist wie ein weiter Umhang mit langen Ärmeln geschnitten und meiner Meinung nach sehr, sehr angenehm zu tragen ? kein Rock, der verrut-schen kann, kein T-Shirt, das nicht in der richtigen Form bleiben möchte... Unter der Kabba befindet man sich wie unter einem Zelt, geschützt und gebor-gen! Für den NGondo wird alle drei Jahre ein neuer Stoff entworfen, der dann eigentlich von allen getra-gen werden soll. Gerade in diesem Jahr wurde ein neuer Stoff eingeführt, der aber für viele viel zu teuer war und auch das Design hatte vielen nicht zugesagt, also war dieses Jahr ein buntes Gemisch an Kabbas auf dem NGondo zu bewundern. Auch ich hatte mich gegen den vorgeschlagenen Stoff entschieden, denn ich wollte meine Kabba auch zu anderen Anlässen tragen können: Zum Beispiel in der Kirche, zu den Beerdigungsfeiern und zu anderen Festlichkeiten. Diese afrikanischen Stoffe sind wirklich herrlich, die knalligsten Farben, die ausgefallensten Muster und dann kann man sich neben der Kabba gar nicht ent-scheiden, welches Modell man sich nun schneidern lassen möchte. Leider ist das alles gar nicht so billig, so dass ich nur sehr, sehr selten mir mal so ein Kleid leisten kann. Also habe ich nach längeren Überlegen mich für einen Stoff in schlichten Schwarz-, Braun- und Orangetönen entschieden, der aber auch nach der Meinung der anderen sehr schön zu meiner nun doch schon ein wenig gebräunten Haut passt. Denn was bei einer Afrikanerin wunderschön aussieht, kann die blasse Europäerin farblich sehr leicht er-schlagen! Nach einigen Tagen bei der Schneiderin war nun mein neues Prachtstück fertig und ich stolze Besitzerin meiner ersten Kabba. Dann gingen die großen Modeschauen los, denn jede/r wollte nun seine/ihre ?Tochter? in dem neuen Gewand bewun-dern, die Meinung zu der Fertigkeit der Schneiderin abgeben und mir Vorträge zum richtigen Gebrauch des Kopftuches halten.
Wie ich ja schon im letzten Rundbrief geschrieben hatte, hat der NGondo schon im November ange-fangen, das große Fest am Ufer des Wouri-Flusses sollte nun den Abschluss- und Höhepunkt bilden. Am Samstagabend, also am 6. Dezember, wurde die ?Miss NGondo? und der beste traditionelle Kämpfer aus den vielen Bewerbern gewählt. Ich hatte ja schon berichtet, dass ich in Dibombari bei einer dieser Vor-entscheidungen dabei gewesen war, nun sollten die Sieger des gesamten NGondo bestimmt werden. An diesem Abend war ich leider nicht mit dabei, aber es sollte sehr der Veranstaltung in Dibombari geähnelt haben. Die ?Miss NGondo? muss viele verschiedene Fertigkeiten beherrschen können. Zuerst muss sie so schnell und so geschickt wie möglich, das Kopftuch (le foulard) binden, dann muss sie fehlerfrei die Ah-nenreihe ihrer Familie aufzählen können, danach muss sie fließend einen Brief auf Duala lesen, ein Rezept eines weniger bekannten traditionellen Ge-richts vortragen und zum Schluss ihren Geschmack in der Wahl eines Kleides in einer kleinen Moden-schau vorführen. Dazwischen wird immer wieder getanzt und gesungen... Wer dann alle Kategorien ohne Probleme bewältigen kann, darf sich zum Schluss die ?Miss NGondo? nennen!! Die Männer müssen in den traditionellen Kämpfen (?les luttes traditionelles?) ihre Körperbeherrschung, Geschick-lichkeit und Stärke beweisen. Dabei müssen sie sich nur mit einem Lendetuch bekleidet in die Mitte der ?Arena? aufstellen und so lange mit ihrem Gegner ringen, bis einer der beiden mit dem Rücken den Boden berührt. Dann ist der Kampf augenblicklich vorbei.
Am nächsten Tag, dem Sonntag also, bin ich schon um 6Uhr früh aufgestanden um zuerst in die Kirche zu gehen. Denn jeden ersten Sonntag im Monat gibt es das Abendmahl und dann muss man schon zwei Stunden früher als gewöhnlich in die Kirche. Für mich ist das immer eindeutig zu früh, meistens schaf-fe ich es immer nicht vorher etwas zu essen und dann verstehe ich ja die ganzen drei Stunden nicht ein einziges Wort, weil der ganze Gottesdienst ja auf Duala stattfindet. Aber ?Gottseidank? singen wir ja immer sehr, sehr viel und meine Nachbarin versucht mir auch ab und zu das Wesentliche ins Französi-sche zu übersetzen. Jedenfalls kam ich etwas müde aus der Kirche zurück und dann hieß es sofort sich umziehen, aus dem weißen Kirchenkleid in meine Kabba und los ging?s! An diesem Morgen war es ungewöhnlich schwer ein Taxi zu finden, alles ström-te in Richtung des Wouri-Flusses. Und was mich dann da erwartete, hätte ich mir kaum vorstellen können.
An dem Flussufer hatten sich wirklich die Massen versammelt, es herrschte ein furchtbares Gedränge, Chaos, Tausende strömten in eine Richtung, dazwi-schen saßen unzählige Frauen und Männer, die an kleinen Ständen, selbst gebastelten Grillen und von zu Hause mitgebrachten Töpfen das Mittagessen verkauften. Es duftete also mal wieder herrlich nach gebratenem Fisch, gerösteten Maiskolben, Bohnen-eintopf, Begnets, etc. Fast alles Frauen hatten die farbenprächtigen Kabbas an, die Männer die traditio-nellen Wickelröcke, die ... genannt werden. Die gan-ze Veranstaltung zog sich am Ufer des Wouri-Flusses entlang und man versuchte ein möglichst guter Platz mit Blick auf das Wasser zu ergattern. Wir waren mal wieder zu spät dran und mussten uns so durch die Massen schieben, es herrschte eine super-feuchte Hitze, die Kabba klebte am Leib und ich dachte, dass ich gleich umkippe, Platzangst bekom-me und dann von den Nachströmenden zertrampelt werde... Die resolute Téclaire, die es sich als Aufga-be gemacht hatte mir so viel wie möglich zu zeigen, schaffte dann das Unmögliche: Wir standen schnau-fend nach einer halsbrecherischen Kletterpartie die Böschung hinunter, ohne sämtliche Menschen mitge-rissen zu haben, unten am Strand ? natürlich da, wo gerade kein Baum Schatten spendete... Nun konn-ten wir uns auf den eigentlichen Teil, den Höhepunkt des NGondo freuen. Weit draußen auf dem Fluss konnte man eine kleine mit Blättern geschmückte Piroge sehen. Auf dieser Piroge befand sich eine sehr ausgewählte Gruppe der Duala. Unter anderem ein Mann der Insel Jambale, denn nur ein Bewohner dieser Insel kann die folgende Tradition ausführen. Dazu steigt er mit einem Korb ins Wasser, taucht dann nach einiger Zeit wieder auf, in dem Korb be-finden sich nun einige Gegenstände, Pflanzen, Fi-sche, etc. Normaler Weise bleibt er bis zu 15 Minuten unter Wasser, wenn er aus dem Wasser steigt, sind seine Kleider nicht nass. Dann fährt die Piroge wie-der an den Strand zurück, dort wird sie von den tradi-tionellen Chefs empfangen und der Korb samt Inhalt wird in ein extra dafür konzipiertes Haus aus Bam-bus, Schilf und Palmenblätter getragen. In diesem Haus versammeln sich nun alle Chefs und deuten den Inhalt des Korbes. Die Deutung wird dann später als Botschaft der Ahnen für das kommende Jahr der Bevölkerung verkündet. Doch in diesem Jahr war alles ein wenig anders, denn aus dem traditionellen Fest ist eine politische Veranstaltung von großer Bedeutung geworden. Wie ich schon in einem meiner ersten Briefe erklärt habe, setzt die Regierung nun seit einiger Zeit traditionelle Chefs ein, die von ihrer Abstammung und Fähigkeit niemals von dem Volk erwählt worden wären. So z. B. ist Prinz Kum?a Ndumbe III der rechtmäßige Chef von Bonabéri, die Regierung kann aber eine so einflussreiche, vor al-lem unabhängige Persönlichkeit nicht in dieser im-mens wichtigen Position akzeptieren und hat so ein anderes Familienmitglied ausgewählt. Dieser junge Mann, der extra aus Frankreich eingeflogen wurde, hat aber weder die langjährige Initiierung, noch die richtige Abstammung und wird nur von einer sehr kleinen Minderheit des Volkes unterstützt. In diesem Jahr sind also zum ersten Mal seit Bestehen des NGondos viele der einflussreichsten Chefs nicht er-schienen- darunter auch Prinz Réné Manga Bell. (Für Geschichtsbewanderte: Der direkte Nachkomme des berühmten Prinzen Rudolf Manga Bell, der einen Vertrag mit der deutschen Kolonialmacht nicht unter-zeichnen wollte, sich in einem Aufstand mit anderen Chefs zusammen schloss und zum Schluss von den Deutschen erhängt wurde.)
Wir standen nun also unten am Strand in der knal-lenden Tropen-Sonne, ich konnte den sich anschlei-chenden Sonnenbrand förmlich spüren, und wartete auf die wieder zurückkehrende Piroge. Dieses Mal ist der Taucher nur knappe zwei Minuten im Wasser geblieben, länger war es nicht möglich... Dann wur-de der Korb vor unseren Augen ins Haus getragen, der Rest der Zeremonie war natürlich für die Öffent-lichkeit nicht mehr sichtbar. Aber dafür gab es noch ein anderes Spektakel für uns Zuschauer: Das Piro-gen-Wettfahren! Jedes Dorf schickt seine Mann-schaft, die ca. aus 16 Männern besteht. Die Piroge wird meistens aus einem einzigen Baumstamm der riesigen Urwaldbäume gefertigt. Die Stimmung kann man sich wie in einem deutschen Fußball-Stadium vorstellen ? ein einziges Geschreihe, Gebrülle, Trommeln, Händegeklatsche und die Menge musste davon abgehalten werden ins Wasser zu laufen. Als dann das Siegerboot das Ufer erreichte, haben die Frauen dieses Dorfes Freudentänze aufgeführt ? das können unsere Fußballer-Frauen bestimmt nicht so gut!
Die Botschaft der Ahnen habe ich dann am nächsten Tag erfahren: ?Reunion ? Vereinigung?!! Ein ganzes klares Zeichen, dass sich die Menschen wieder ver-einigen sollen, sich auf ihre Traditionen und Werte besinnen und dass vor allem das Problem der Chef-ferien gelöst wird. Denn erst wenn sich die traditionel-len Chef vereinigen, zusammen kommen, kann es auch eine Vereinigung im Volk geben. Es war zum Beispiel auch ein Zeichen des Ungleichgewichts, der Disharmonie, dass der Taucher nur so wenige Minu-ten unter Wasser geblieben ist!! Für viele wird sich das jetzt alles sehr befremdlich anhören, manche werden den Kopf schütteln und denken, in was da die Julie wohl hineingeraten ist. Aber ich auch bin immer wieder nur am Staunen, am Staunen über eine Kultur, die so alt, tiefgehend und spirituell ist, dass ich es nur langsam erahnen kann...
In der darauf folgenden Woche war ich zum zweiten Mal in Yaundé um unseren Professor Kum?a Ndumbe III an die Universität zu begleiten. Wir sind wieder ganz früh morgens. In Yaundé angekommen, sind wir sofort zur Uni gefahren und sind dort auch pünkt-lichst angekommen, aber es kam mal wieder anders als geplant, nämlich der Zuständige für den Schlüs-sel für unseren Raum war nicht aufzufinden ? also hieß es mal wieder warten, warten, warten... Für mich war das aber genau richtig, denn ich hatte nun sie Zeit mit den Studenten in Kontakt zu kommen. Es waren alle Germanisten, die kurz vor ihrer Diplom-Arbeit stehen und sich natürlich sehr gefreut haben ihr Deutsch an mir zu erproben. Und sie sprachen wirklich sooo gut, dass es mir fast richtig peinlich war mich mit meinem Französisch zu ?outen?! Nach zwei Stunden Wartezeit konnte die Vorlesung dann end-lich beginnen. Der Professor hatte mich gewarnt, dass es sehr langweilig für mich werden könnte, da es ja eine Vorlesung für Studienabgänger wäre und die besonders auf die Recherche für die Diplomarbeit vorbereitet werden würden. Aber das war gar nicht der Fall, das Buch, das ich mir für den Notfall mitge-nommen hatte, rührte ich nicht an, so sehr war ich von allem gefesselt. Für mich war es das erste Mal den Professor wirklich in Aktion zu sehen und dann auch noch vor kamerunischen Stundenten und nicht vor Deutschen. Und gerade mache ich mir natürlich auch immer mehr Gedanken über meine Zukunft, was möchte ich eigentlich in meinen Leben bewirken, was möchte ich lernen, was möchte ich später arbei-ten ? es gibt sooo unendlich viele Möglickeiten... Aber ich erlebe jetzt immer wieder diese Momente, wo es mich packt, wo ich denke, das ist, genau das! Wo mein Herz dann auf einmal ganz laut zu klopfen anfängt, ich wie elektrisiert bin und das Gefühl habe die Zukunft fängt sich an in mir zu regen!!!
Viele haben mich in ihren Mails nun gefragt, was ist das nun für dich Weihnachten,, wie feiert ihr das da bei euch in der Hitze, gibt es Tannenbäume, usw... ? Weihnachten ist für mich .... Weihnachten ist in den Tropen, mit Schweiß auf der Stirn, vor dem Ventilator sitzen, Schokolade aus dem Kühlschrank essen, das Weihnachtsoratorium von Bach hören. Weihnachten... unglaublicher Verkehr und Chaos auf den Strassen, durch die Stadt laufen, noch genauer auf seine Handtasche aufpassen als sonst, den Kopf über Plastiktannenbäume, Weihnachtsmänner und die schrillsten Weihnachtsgirlanden schütteln. Weih-nachten... jeden Morgen ein Türchen im deutschen Adventskalender Kalender öffnen, sich wundern wo die Zeit bleibt, E-Mails über die heimatlichen Vorbereitungen lesen, die eine oder andere Träne fließt im Internet-Café oder zu Hause beim Fotos anschauen und Musik hören. Weihnachten...
Es gibt Gottseidank immer noch einen großen Unter-schied zwischen dem europäischen und dem afrika-nischen Weihnachten: Es ist einfach nicht so wich-tig...., doch die Medien leisten gute Arbeit, denn zum Beispiel über das französische Fernsehen wird im-mer mehr der Konsumrausch eingeführt, die Plastik-tanne ist in vielen Familien schon ein Muss ? eine Weihnachts-Kultur die ja ihren Ursprung in Europa und noch nicht mal etwas mit dem Christentum zu tun hat. Aber anstatt das man traditionelle afrikani-sche Elemente einführt, die zum Beispiel die Ankunft eines Kindes feiern, wird völlig selbstverständlich das Andere, Fremde aus dem weiten Norden übernom-men.
Ohne große vorweihnachtliche Gefühle stand es dann vor der Tür: das Fest, das für mich immer Ge-borgenheit in der kleinen Familie, Kälte vielleicht auch Schnee, Geschenke, leckeres Essen und viel Liedersingen bedeutete. Hier war auf einmal alles schon ein wenig anders... Am 24. Dezember habe ich mit einer Nichte meiner Familie auf dem Markt den Weihnachtseinkauf erledigt. Es sollte geben: Gegrillter Fisch, gebratene Kochbananen, frittierte Süßkartoffeln, Miondo und eine Art Blattspinat mit Huhn. Wenn ich doch Ihnen und euch einfach mal diese Bilder, Gerüche, Geräusche, den Staub, Dreck, die tausend verschiedenen Waren, Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Allerlei, die vielen unterschiedlichen Menschen in den bunten Gewändern, das Chaos, etc. ..... schicken könnte. Aber es zu beschreiben scheint mir einfach unmöglich!!! Jedenfalls haben wir dann bis abends langsam unsere Küche eingerichtet und mir kam doch tatsächlich so etwas wie ein biss-chen Weihnachtsstimmung auf. Ich habe dann unse-ren Tropen-Blumenstrauß mit kitschigen Weih-nachtsgirlanden geschmückt, die Schoko-Herzen aus dem Kühlschrank daran gehängt, immer wieder das Weihnachtsoratorium laut aufgedreht und die kleinen Geschenke unter ?meinem? Baum verteilt ? sehr zur Belustigung aller! Abends bin ich dann in die Kirche gegangen, es gab zwar keinen Gottesdienst, aber die Kinder der Gemeinde hatten den Abend mit Gesang, Theater, Tanz und Sprechchören gestaltet. Wieder zu Hause angelangt, hieß es sich schleunigst umzie-hen und raus ging es zum Tanzen- morgens um 6Uhr bin ich dann totmüde ins Bett gefallen. Nach zwei Stunden Schlaf stand dann wieder meine liebe Nich-te vor der Tür ? denn nun sollte mein erster Kochkurs beginnen. Wir hatten kurzfristig die Familie zum gro-ßen gemeinsamen Familienfest eingeladen und es sind dann zum Schluss auch immerhin ca. 25 Leute gekommen. Und für diese 25 Leute haben vier Frau-en und ich für mindestens 5 Stunden in der Küche gestanden!!! Soooo kompliziert hatte ich mir das nun doch nicht vorgestellt! Nach dem die letzten Besu-cher gegangen waren und die Küche aufgeräumt war, fing mein Abend-Programm wieder an ? tanzen bis die Vögel anfangen zu singen.... Was war also der größte Unterschied zum meinen bisherigen deut-schen Weihnachten?! In Deutschland ziehen sich alle Familien zurück, man ist meistens wirklich nur im engsten Kreis der Verwandten, man bleibt zu Hause, man macht es sich gemütlich, seit neustem gehen die Jugendlichen eigentlich Abends mal tanzen... Hier ist es halt genau das Gegenteil, man bleibt ein-fach nicht zu Hause, Geschenke sind unwichtig, man ist auf der Strasse mit Freunden unterwegs, man tanzt!! Jemand der Heiligabend alleine zu Hause bleibt, ist einsam und hat keine Familie und Freunde und das habe ich hier wirklich kaum erlebt!!!
Wie ich ja schon in einem meiner vorherigen Rund-briefe berichtet habe, planten der Präsident meines Chors und ich seit längerem, meine Klarinette in den Chor zu integrieren. In den letzten Monaten hatte ich nie die Zeit mich wirklich zum Üben mit ihm zu tref-fen. Für den Dezember hatten wir uns aber nun zu-sammengesetzt und angefangen, die verschiedenen Lieder einzuüben. Ich sollte wie ja schon berichtet, immer mit meiner Klarinette, als eine Art ?Vorsänger?, die Lieder einleiten, der Chor sollte dann darauf ant-worten. Die afrikanische Kultur ist auf der Oralität begründet. Das heißt es gibt kaum schriftliche Über-lieferungen, sondern Geschichte, Weisheiten, Berufe, Musik und Kunst, alles wird oder wurde mündlich an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. Genauso ist es auch bei uns im Chor. Zwar gibt es für die meisten Chor-Sätze Noten, doch immer nur eine Person von Sopran, Tenor, Alt und Bass ist im Besitz dieser Partitur. Wenn also nun ein Stück neu eingeübt wird, singen alle vier Stimmführer gleichzei-tig und die jeweiligen Stimmen versuchen die Musik auf diese Weise gleich auswendig zu lernen. Ich hatte am Anfang in diesem ganzen Stimmenwirrwarr große Mühe meine eigene herauszuhören, und es schien mir fast unmöglich so als Chor etwas einstudieren zu können. Aber natürlich hat es funkti-oniert! Nach einer Stunde hatte ich Kopfweh, aber der Chor hatte den gesamten Chorsatz mit einem Mal auswendig gelernt!! Mit meiner Klarinette musste ich es nun genauso machen. Für manche Lieder gab es zwar Noten, aber die meisten habe ich gleich vom hören her auswendig gelernt. Aber ich hatte im ers-ten Moment immer das Gefühl, wie ein Kind zu sein, dem man die Schwimmflügel wegnimmt. Nicht das ich das nicht könnte, oft braucht man ja diese Noten wirklich nicht mehr, aber der Sicherheit halber hatte, habe ich sie halt immer gerne vor mir. Aber auch in der europäischen Musikkultur würde ja z. B. ein großer Geigenspieler immer auswendig spielen! Ich lerne das nun in Afrika... Dann kam das große Konzert, lange wurde es vorbereitet, alles war ganz aufgeregt. Nach dem normalen Gottesdienst, zog sich der gesamte Chor (ca. 100 Mitglieder) zurück und formatierte sich vor der Kirche in Reihen auf. Ich wurde mit der Rhythmus-Gruppe ganz an den An-fang dieser Schlange gestellt und führte dann tan-zend den Chor durch die brechend volle Kirche bis zum Altar nach vorne. Unser Konzert verlief erfolg-reich, ich leistete mir keinen Patzer, wurde immer lockerer und tanzte zur Freude des gesamten Publi-kums eifrig mit. Am Ende klatschte die gesamte Kirche laut Beifall, genau wie bei uns auch, ist das in der Kirche eine Seltenheit! Nach der Kirche kam mir von allen Seiten so viel Begeisterung, Lob und ein-fach Freude entgegen. Ich hatte mal wieder das Gefühl in einen echten Austausch gekommen zu sein, denn diesmal habe ich nicht nur der afrikani-schen Kultur teilgenommen, sondern habe auch aktiv meine eigene einbringen können ? das Ergebnis: strahlendes Lachen, dankbare Gesichter und Herz-lichkeit von allen Seiten. Wenn das doch immer so leicht wäre!
So, nun muss ich diesen Brief wirklich losschicken, dieses Mal ja mit einiger Verspätung. Ich hoffe, dass der nächste Sie und euch wieder etwas pünktlicher erreichen wird. Wie immer möchte ich ihn wieder mit einem herzlichen Dankeschön an alle meine Unter-stützer abschließen!!!
Herzlicheste sonnige Grüße aus Douala ins kalte Deutschland,
Ihre und eure Julie-Marthe Lehmann
Fotos von Julie nach Hause geschickt,
Dann gab es ja am 7. Dezember das große traditio-nelle Fest der Küstenvölker Kameruns: den NGondo. Meine Vorbereitungen hatten schon fast zwei Wo-chen vorher angefangen, denn zu diesem Anlass wollte ich meine erste richtige Kabba tragen. Die Kabba ist ein traditionelles Gewand, das aber nicht nur zu diesen Anlässen, sondern auch im Alltag ge-tragen wird. Sie ist wie ein weiter Umhang mit langen Ärmeln geschnitten und meiner Meinung nach sehr, sehr angenehm zu tragen ? kein Rock, der verrut-schen kann, kein T-Shirt, das nicht in der richtigen Form bleiben möchte... Unter der Kabba befindet man sich wie unter einem Zelt, geschützt und gebor-gen! Für den NGondo wird alle drei Jahre ein neuer Stoff entworfen, der dann eigentlich von allen getra-gen werden soll. Gerade in diesem Jahr wurde ein neuer Stoff eingeführt, der aber für viele viel zu teuer war und auch das Design hatte vielen nicht zugesagt, also war dieses Jahr ein buntes Gemisch an Kabbas auf dem NGondo zu bewundern. Auch ich hatte mich gegen den vorgeschlagenen Stoff entschieden, denn ich wollte meine Kabba auch zu anderen Anlässen tragen können: Zum Beispiel in der Kirche, zu den Beerdigungsfeiern und zu anderen Festlichkeiten. Diese afrikanischen Stoffe sind wirklich herrlich, die knalligsten Farben, die ausgefallensten Muster und dann kann man sich neben der Kabba gar nicht ent-scheiden, welches Modell man sich nun schneidern lassen möchte. Leider ist das alles gar nicht so billig, so dass ich nur sehr, sehr selten mir mal so ein Kleid leisten kann. Also habe ich nach längeren Überlegen mich für einen Stoff in schlichten Schwarz-, Braun- und Orangetönen entschieden, der aber auch nach der Meinung der anderen sehr schön zu meiner nun doch schon ein wenig gebräunten Haut passt. Denn was bei einer Afrikanerin wunderschön aussieht, kann die blasse Europäerin farblich sehr leicht er-schlagen! Nach einigen Tagen bei der Schneiderin war nun mein neues Prachtstück fertig und ich stolze Besitzerin meiner ersten Kabba. Dann gingen die großen Modeschauen los, denn jede/r wollte nun seine/ihre ?Tochter? in dem neuen Gewand bewun-dern, die Meinung zu der Fertigkeit der Schneiderin abgeben und mir Vorträge zum richtigen Gebrauch des Kopftuches halten.
Wie ich ja schon im letzten Rundbrief geschrieben hatte, hat der NGondo schon im November ange-fangen, das große Fest am Ufer des Wouri-Flusses sollte nun den Abschluss- und Höhepunkt bilden. Am Samstagabend, also am 6. Dezember, wurde die ?Miss NGondo? und der beste traditionelle Kämpfer aus den vielen Bewerbern gewählt. Ich hatte ja schon berichtet, dass ich in Dibombari bei einer dieser Vor-entscheidungen dabei gewesen war, nun sollten die Sieger des gesamten NGondo bestimmt werden. An diesem Abend war ich leider nicht mit dabei, aber es sollte sehr der Veranstaltung in Dibombari geähnelt haben. Die ?Miss NGondo? muss viele verschiedene Fertigkeiten beherrschen können. Zuerst muss sie so schnell und so geschickt wie möglich, das Kopftuch (le foulard) binden, dann muss sie fehlerfrei die Ah-nenreihe ihrer Familie aufzählen können, danach muss sie fließend einen Brief auf Duala lesen, ein Rezept eines weniger bekannten traditionellen Ge-richts vortragen und zum Schluss ihren Geschmack in der Wahl eines Kleides in einer kleinen Moden-schau vorführen. Dazwischen wird immer wieder getanzt und gesungen... Wer dann alle Kategorien ohne Probleme bewältigen kann, darf sich zum Schluss die ?Miss NGondo? nennen!! Die Männer müssen in den traditionellen Kämpfen (?les luttes traditionelles?) ihre Körperbeherrschung, Geschick-lichkeit und Stärke beweisen. Dabei müssen sie sich nur mit einem Lendetuch bekleidet in die Mitte der ?Arena? aufstellen und so lange mit ihrem Gegner ringen, bis einer der beiden mit dem Rücken den Boden berührt. Dann ist der Kampf augenblicklich vorbei.
Am nächsten Tag, dem Sonntag also, bin ich schon um 6Uhr früh aufgestanden um zuerst in die Kirche zu gehen. Denn jeden ersten Sonntag im Monat gibt es das Abendmahl und dann muss man schon zwei Stunden früher als gewöhnlich in die Kirche. Für mich ist das immer eindeutig zu früh, meistens schaf-fe ich es immer nicht vorher etwas zu essen und dann verstehe ich ja die ganzen drei Stunden nicht ein einziges Wort, weil der ganze Gottesdienst ja auf Duala stattfindet. Aber ?Gottseidank? singen wir ja immer sehr, sehr viel und meine Nachbarin versucht mir auch ab und zu das Wesentliche ins Französi-sche zu übersetzen. Jedenfalls kam ich etwas müde aus der Kirche zurück und dann hieß es sofort sich umziehen, aus dem weißen Kirchenkleid in meine Kabba und los ging?s! An diesem Morgen war es ungewöhnlich schwer ein Taxi zu finden, alles ström-te in Richtung des Wouri-Flusses. Und was mich dann da erwartete, hätte ich mir kaum vorstellen können.
An dem Flussufer hatten sich wirklich die Massen versammelt, es herrschte ein furchtbares Gedränge, Chaos, Tausende strömten in eine Richtung, dazwi-schen saßen unzählige Frauen und Männer, die an kleinen Ständen, selbst gebastelten Grillen und von zu Hause mitgebrachten Töpfen das Mittagessen verkauften. Es duftete also mal wieder herrlich nach gebratenem Fisch, gerösteten Maiskolben, Bohnen-eintopf, Begnets, etc. Fast alles Frauen hatten die farbenprächtigen Kabbas an, die Männer die traditio-nellen Wickelröcke, die ... genannt werden. Die gan-ze Veranstaltung zog sich am Ufer des Wouri-Flusses entlang und man versuchte ein möglichst guter Platz mit Blick auf das Wasser zu ergattern. Wir waren mal wieder zu spät dran und mussten uns so durch die Massen schieben, es herrschte eine super-feuchte Hitze, die Kabba klebte am Leib und ich dachte, dass ich gleich umkippe, Platzangst bekom-me und dann von den Nachströmenden zertrampelt werde... Die resolute Téclaire, die es sich als Aufga-be gemacht hatte mir so viel wie möglich zu zeigen, schaffte dann das Unmögliche: Wir standen schnau-fend nach einer halsbrecherischen Kletterpartie die Böschung hinunter, ohne sämtliche Menschen mitge-rissen zu haben, unten am Strand ? natürlich da, wo gerade kein Baum Schatten spendete... Nun konn-ten wir uns auf den eigentlichen Teil, den Höhepunkt des NGondo freuen. Weit draußen auf dem Fluss konnte man eine kleine mit Blättern geschmückte Piroge sehen. Auf dieser Piroge befand sich eine sehr ausgewählte Gruppe der Duala. Unter anderem ein Mann der Insel Jambale, denn nur ein Bewohner dieser Insel kann die folgende Tradition ausführen. Dazu steigt er mit einem Korb ins Wasser, taucht dann nach einiger Zeit wieder auf, in dem Korb be-finden sich nun einige Gegenstände, Pflanzen, Fi-sche, etc. Normaler Weise bleibt er bis zu 15 Minuten unter Wasser, wenn er aus dem Wasser steigt, sind seine Kleider nicht nass. Dann fährt die Piroge wie-der an den Strand zurück, dort wird sie von den tradi-tionellen Chefs empfangen und der Korb samt Inhalt wird in ein extra dafür konzipiertes Haus aus Bam-bus, Schilf und Palmenblätter getragen. In diesem Haus versammeln sich nun alle Chefs und deuten den Inhalt des Korbes. Die Deutung wird dann später als Botschaft der Ahnen für das kommende Jahr der Bevölkerung verkündet. Doch in diesem Jahr war alles ein wenig anders, denn aus dem traditionellen Fest ist eine politische Veranstaltung von großer Bedeutung geworden. Wie ich schon in einem meiner ersten Briefe erklärt habe, setzt die Regierung nun seit einiger Zeit traditionelle Chefs ein, die von ihrer Abstammung und Fähigkeit niemals von dem Volk erwählt worden wären. So z. B. ist Prinz Kum?a Ndumbe III der rechtmäßige Chef von Bonabéri, die Regierung kann aber eine so einflussreiche, vor al-lem unabhängige Persönlichkeit nicht in dieser im-mens wichtigen Position akzeptieren und hat so ein anderes Familienmitglied ausgewählt. Dieser junge Mann, der extra aus Frankreich eingeflogen wurde, hat aber weder die langjährige Initiierung, noch die richtige Abstammung und wird nur von einer sehr kleinen Minderheit des Volkes unterstützt. In diesem Jahr sind also zum ersten Mal seit Bestehen des NGondos viele der einflussreichsten Chefs nicht er-schienen- darunter auch Prinz Réné Manga Bell. (Für Geschichtsbewanderte: Der direkte Nachkomme des berühmten Prinzen Rudolf Manga Bell, der einen Vertrag mit der deutschen Kolonialmacht nicht unter-zeichnen wollte, sich in einem Aufstand mit anderen Chefs zusammen schloss und zum Schluss von den Deutschen erhängt wurde.)
Wir standen nun also unten am Strand in der knal-lenden Tropen-Sonne, ich konnte den sich anschlei-chenden Sonnenbrand förmlich spüren, und wartete auf die wieder zurückkehrende Piroge. Dieses Mal ist der Taucher nur knappe zwei Minuten im Wasser geblieben, länger war es nicht möglich... Dann wur-de der Korb vor unseren Augen ins Haus getragen, der Rest der Zeremonie war natürlich für die Öffent-lichkeit nicht mehr sichtbar. Aber dafür gab es noch ein anderes Spektakel für uns Zuschauer: Das Piro-gen-Wettfahren! Jedes Dorf schickt seine Mann-schaft, die ca. aus 16 Männern besteht. Die Piroge wird meistens aus einem einzigen Baumstamm der riesigen Urwaldbäume gefertigt. Die Stimmung kann man sich wie in einem deutschen Fußball-Stadium vorstellen ? ein einziges Geschreihe, Gebrülle, Trommeln, Händegeklatsche und die Menge musste davon abgehalten werden ins Wasser zu laufen. Als dann das Siegerboot das Ufer erreichte, haben die Frauen dieses Dorfes Freudentänze aufgeführt ? das können unsere Fußballer-Frauen bestimmt nicht so gut!
Die Botschaft der Ahnen habe ich dann am nächsten Tag erfahren: ?Reunion ? Vereinigung?!! Ein ganzes klares Zeichen, dass sich die Menschen wieder ver-einigen sollen, sich auf ihre Traditionen und Werte besinnen und dass vor allem das Problem der Chef-ferien gelöst wird. Denn erst wenn sich die traditionel-len Chef vereinigen, zusammen kommen, kann es auch eine Vereinigung im Volk geben. Es war zum Beispiel auch ein Zeichen des Ungleichgewichts, der Disharmonie, dass der Taucher nur so wenige Minu-ten unter Wasser geblieben ist!! Für viele wird sich das jetzt alles sehr befremdlich anhören, manche werden den Kopf schütteln und denken, in was da die Julie wohl hineingeraten ist. Aber ich auch bin immer wieder nur am Staunen, am Staunen über eine Kultur, die so alt, tiefgehend und spirituell ist, dass ich es nur langsam erahnen kann...
In der darauf folgenden Woche war ich zum zweiten Mal in Yaundé um unseren Professor Kum?a Ndumbe III an die Universität zu begleiten. Wir sind wieder ganz früh morgens. In Yaundé angekommen, sind wir sofort zur Uni gefahren und sind dort auch pünkt-lichst angekommen, aber es kam mal wieder anders als geplant, nämlich der Zuständige für den Schlüs-sel für unseren Raum war nicht aufzufinden ? also hieß es mal wieder warten, warten, warten... Für mich war das aber genau richtig, denn ich hatte nun sie Zeit mit den Studenten in Kontakt zu kommen. Es waren alle Germanisten, die kurz vor ihrer Diplom-Arbeit stehen und sich natürlich sehr gefreut haben ihr Deutsch an mir zu erproben. Und sie sprachen wirklich sooo gut, dass es mir fast richtig peinlich war mich mit meinem Französisch zu ?outen?! Nach zwei Stunden Wartezeit konnte die Vorlesung dann end-lich beginnen. Der Professor hatte mich gewarnt, dass es sehr langweilig für mich werden könnte, da es ja eine Vorlesung für Studienabgänger wäre und die besonders auf die Recherche für die Diplomarbeit vorbereitet werden würden. Aber das war gar nicht der Fall, das Buch, das ich mir für den Notfall mitge-nommen hatte, rührte ich nicht an, so sehr war ich von allem gefesselt. Für mich war es das erste Mal den Professor wirklich in Aktion zu sehen und dann auch noch vor kamerunischen Stundenten und nicht vor Deutschen. Und gerade mache ich mir natürlich auch immer mehr Gedanken über meine Zukunft, was möchte ich eigentlich in meinen Leben bewirken, was möchte ich lernen, was möchte ich später arbei-ten ? es gibt sooo unendlich viele Möglickeiten... Aber ich erlebe jetzt immer wieder diese Momente, wo es mich packt, wo ich denke, das ist, genau das! Wo mein Herz dann auf einmal ganz laut zu klopfen anfängt, ich wie elektrisiert bin und das Gefühl habe die Zukunft fängt sich an in mir zu regen!!!
Viele haben mich in ihren Mails nun gefragt, was ist das nun für dich Weihnachten,, wie feiert ihr das da bei euch in der Hitze, gibt es Tannenbäume, usw... ? Weihnachten ist für mich .... Weihnachten ist in den Tropen, mit Schweiß auf der Stirn, vor dem Ventilator sitzen, Schokolade aus dem Kühlschrank essen, das Weihnachtsoratorium von Bach hören. Weihnachten... unglaublicher Verkehr und Chaos auf den Strassen, durch die Stadt laufen, noch genauer auf seine Handtasche aufpassen als sonst, den Kopf über Plastiktannenbäume, Weihnachtsmänner und die schrillsten Weihnachtsgirlanden schütteln. Weih-nachten... jeden Morgen ein Türchen im deutschen Adventskalender Kalender öffnen, sich wundern wo die Zeit bleibt, E-Mails über die heimatlichen Vorbereitungen lesen, die eine oder andere Träne fließt im Internet-Café oder zu Hause beim Fotos anschauen und Musik hören. Weihnachten...
Es gibt Gottseidank immer noch einen großen Unter-schied zwischen dem europäischen und dem afrika-nischen Weihnachten: Es ist einfach nicht so wich-tig...., doch die Medien leisten gute Arbeit, denn zum Beispiel über das französische Fernsehen wird im-mer mehr der Konsumrausch eingeführt, die Plastik-tanne ist in vielen Familien schon ein Muss ? eine Weihnachts-Kultur die ja ihren Ursprung in Europa und noch nicht mal etwas mit dem Christentum zu tun hat. Aber anstatt das man traditionelle afrikani-sche Elemente einführt, die zum Beispiel die Ankunft eines Kindes feiern, wird völlig selbstverständlich das Andere, Fremde aus dem weiten Norden übernom-men.
Ohne große vorweihnachtliche Gefühle stand es dann vor der Tür: das Fest, das für mich immer Ge-borgenheit in der kleinen Familie, Kälte vielleicht auch Schnee, Geschenke, leckeres Essen und viel Liedersingen bedeutete. Hier war auf einmal alles schon ein wenig anders... Am 24. Dezember habe ich mit einer Nichte meiner Familie auf dem Markt den Weihnachtseinkauf erledigt. Es sollte geben: Gegrillter Fisch, gebratene Kochbananen, frittierte Süßkartoffeln, Miondo und eine Art Blattspinat mit Huhn. Wenn ich doch Ihnen und euch einfach mal diese Bilder, Gerüche, Geräusche, den Staub, Dreck, die tausend verschiedenen Waren, Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Allerlei, die vielen unterschiedlichen Menschen in den bunten Gewändern, das Chaos, etc. ..... schicken könnte. Aber es zu beschreiben scheint mir einfach unmöglich!!! Jedenfalls haben wir dann bis abends langsam unsere Küche eingerichtet und mir kam doch tatsächlich so etwas wie ein biss-chen Weihnachtsstimmung auf. Ich habe dann unse-ren Tropen-Blumenstrauß mit kitschigen Weih-nachtsgirlanden geschmückt, die Schoko-Herzen aus dem Kühlschrank daran gehängt, immer wieder das Weihnachtsoratorium laut aufgedreht und die kleinen Geschenke unter ?meinem? Baum verteilt ? sehr zur Belustigung aller! Abends bin ich dann in die Kirche gegangen, es gab zwar keinen Gottesdienst, aber die Kinder der Gemeinde hatten den Abend mit Gesang, Theater, Tanz und Sprechchören gestaltet. Wieder zu Hause angelangt, hieß es sich schleunigst umzie-hen und raus ging es zum Tanzen- morgens um 6Uhr bin ich dann totmüde ins Bett gefallen. Nach zwei Stunden Schlaf stand dann wieder meine liebe Nich-te vor der Tür ? denn nun sollte mein erster Kochkurs beginnen. Wir hatten kurzfristig die Familie zum gro-ßen gemeinsamen Familienfest eingeladen und es sind dann zum Schluss auch immerhin ca. 25 Leute gekommen. Und für diese 25 Leute haben vier Frau-en und ich für mindestens 5 Stunden in der Küche gestanden!!! Soooo kompliziert hatte ich mir das nun doch nicht vorgestellt! Nach dem die letzten Besu-cher gegangen waren und die Küche aufgeräumt war, fing mein Abend-Programm wieder an ? tanzen bis die Vögel anfangen zu singen.... Was war also der größte Unterschied zum meinen bisherigen deut-schen Weihnachten?! In Deutschland ziehen sich alle Familien zurück, man ist meistens wirklich nur im engsten Kreis der Verwandten, man bleibt zu Hause, man macht es sich gemütlich, seit neustem gehen die Jugendlichen eigentlich Abends mal tanzen... Hier ist es halt genau das Gegenteil, man bleibt ein-fach nicht zu Hause, Geschenke sind unwichtig, man ist auf der Strasse mit Freunden unterwegs, man tanzt!! Jemand der Heiligabend alleine zu Hause bleibt, ist einsam und hat keine Familie und Freunde und das habe ich hier wirklich kaum erlebt!!!
Wie ich ja schon in einem meiner vorherigen Rund-briefe berichtet habe, planten der Präsident meines Chors und ich seit längerem, meine Klarinette in den Chor zu integrieren. In den letzten Monaten hatte ich nie die Zeit mich wirklich zum Üben mit ihm zu tref-fen. Für den Dezember hatten wir uns aber nun zu-sammengesetzt und angefangen, die verschiedenen Lieder einzuüben. Ich sollte wie ja schon berichtet, immer mit meiner Klarinette, als eine Art ?Vorsänger?, die Lieder einleiten, der Chor sollte dann darauf ant-worten. Die afrikanische Kultur ist auf der Oralität begründet. Das heißt es gibt kaum schriftliche Über-lieferungen, sondern Geschichte, Weisheiten, Berufe, Musik und Kunst, alles wird oder wurde mündlich an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. Genauso ist es auch bei uns im Chor. Zwar gibt es für die meisten Chor-Sätze Noten, doch immer nur eine Person von Sopran, Tenor, Alt und Bass ist im Besitz dieser Partitur. Wenn also nun ein Stück neu eingeübt wird, singen alle vier Stimmführer gleichzei-tig und die jeweiligen Stimmen versuchen die Musik auf diese Weise gleich auswendig zu lernen. Ich hatte am Anfang in diesem ganzen Stimmenwirrwarr große Mühe meine eigene herauszuhören, und es schien mir fast unmöglich so als Chor etwas einstudieren zu können. Aber natürlich hat es funkti-oniert! Nach einer Stunde hatte ich Kopfweh, aber der Chor hatte den gesamten Chorsatz mit einem Mal auswendig gelernt!! Mit meiner Klarinette musste ich es nun genauso machen. Für manche Lieder gab es zwar Noten, aber die meisten habe ich gleich vom hören her auswendig gelernt. Aber ich hatte im ers-ten Moment immer das Gefühl, wie ein Kind zu sein, dem man die Schwimmflügel wegnimmt. Nicht das ich das nicht könnte, oft braucht man ja diese Noten wirklich nicht mehr, aber der Sicherheit halber hatte, habe ich sie halt immer gerne vor mir. Aber auch in der europäischen Musikkultur würde ja z. B. ein großer Geigenspieler immer auswendig spielen! Ich lerne das nun in Afrika... Dann kam das große Konzert, lange wurde es vorbereitet, alles war ganz aufgeregt. Nach dem normalen Gottesdienst, zog sich der gesamte Chor (ca. 100 Mitglieder) zurück und formatierte sich vor der Kirche in Reihen auf. Ich wurde mit der Rhythmus-Gruppe ganz an den An-fang dieser Schlange gestellt und führte dann tan-zend den Chor durch die brechend volle Kirche bis zum Altar nach vorne. Unser Konzert verlief erfolg-reich, ich leistete mir keinen Patzer, wurde immer lockerer und tanzte zur Freude des gesamten Publi-kums eifrig mit. Am Ende klatschte die gesamte Kirche laut Beifall, genau wie bei uns auch, ist das in der Kirche eine Seltenheit! Nach der Kirche kam mir von allen Seiten so viel Begeisterung, Lob und ein-fach Freude entgegen. Ich hatte mal wieder das Gefühl in einen echten Austausch gekommen zu sein, denn diesmal habe ich nicht nur der afrikani-schen Kultur teilgenommen, sondern habe auch aktiv meine eigene einbringen können ? das Ergebnis: strahlendes Lachen, dankbare Gesichter und Herz-lichkeit von allen Seiten. Wenn das doch immer so leicht wäre!
So, nun muss ich diesen Brief wirklich losschicken, dieses Mal ja mit einiger Verspätung. Ich hoffe, dass der nächste Sie und euch wieder etwas pünktlicher erreichen wird. Wie immer möchte ich ihn wieder mit einem herzlichen Dankeschön an alle meine Unter-stützer abschließen!!!
Herzlicheste sonnige Grüße aus Douala ins kalte Deutschland,
Ihre und eure Julie-Marthe Lehmann
Fotos von Julie nach Hause geschickt,
Fortsetzung
wir warten auf deine kleinen Meldungen!
Rundbriefe bis Januar 2004
Rundbriefe aus Kamerun
Nr. 1
Geschrieben kurz vor der Abreise, Ende August 2003
Am 10. September, morgens um 7 Uhr hebt mein Flugzeug ab gen Kamerun. Bevor es los geht und bevor mich das große Reisefieber packt, will ich hier einige Grundinformationen, wohin nun die Reise geht. Meine Kontakte nach Kamerun sind inzwischen immer intensiver. Schon heute habe ich einige Menschen in Kamerun, die mich eingeladen haben.
1. Etwas über meinem künftigen Arbeitsplatz:
AfricAvenir
Eine Stiftung für Entwicklung, Internationale Koopera-tion und Frieden
Die Stiftung AfricAvenir wurde 1990 von Professor Prinz Kum?a Ndumbe gegründet. Sie befindet sich in Douala, der Wirtschaftsmetropole Kameruns. Im Zentrum der Arbeit von AfricAvenir steht im weitesten Sinne die Entwicklungsfrage. Die Mitglieder der Stif-tung sehen ihre Hauptaufgabe darin durch Bildungs- und Aufklärungsarbeit, einen Beitrag im Aufbau einer-sozial gerechteren demokratischen und nachhaltigen Gesellschaft in Kamerun und Zentralafrika. Professor Prinz Kum?a Ndumbe ist außerdem sehr aktiv in der Forschung zum Thema Frieden, Konfliktlösung und Gewaltprävention.
Ziel der Stiftung ist es vor allem, die Debatte über, Entwicklungspotentiale Entwicklungsziele, Entwick-lungsziele, etc. vor Ort in Kamerun zu führen. Die Erfahrungen der Gründungsmitglieder haben oft ge-zeigt, dass Auseinandersetzung mit Afrikas Entwick-lung außerhalb von Afrika in europäischen und ameri-kanischen Institutionen und Universitäten ablief und die meisten Ergebnisse ? in Form von Büchern, Fil-men, Artikeln, Berichten etc. ? in Afrika kaum zugäng-lich waren. Die Aktivitäten der Stiftung bauen also alle darauf einen öffentlichen Raum für Debatten und Kre-ativität in der Bevölkerung zu schaffen. Diese Aktivitä-ten umfassen vor allem ein monatliches Programm: Konferenzen, Dialogforen, afrikanische Palaver, Run-de Tische und Filmvorführungen mit anschließenden Diskussionsrunden, Konzerte, Tanz- und Theater-abende, Lesungen oder Künstlerausstellungen.
Gleichzeitig bietet die Stiftung zivilgesellschaftliche Gruppen verschiedene Versammlungs- und Probe-räume. So nutzen seit der Gründung der Stiftung die unterschiedlichsten Gruppen die Räume des ca. 2000m großen Gebäudes: Zum Beispiel verschiedene Frauengruppen, Jugendgruppen, Forschungsgruppen, der Germanistenverein, eine Gruppe Alter Weisen, Aids-Präventionsgruppe, Theatergruppen, traditionelle Tanzgruppen, Praxis für Traditionelle Medizin und Pharmazie, etc. Wegen ihrer Lage in unmittelbarer Umgebung von zehn Schulen und Gymnasien (insge-samt ca. 1400 Schüler) sind Jugendliche die Haupt-zielgruppe. Ihre Mitwirkung in den verschiedenen Ab-teilungen und Beriechen der Stiftung wird systema-tisch integriert.
Das wissenschaftliche Fundament für all diese kultu-rellen Aktivitäten kommt aus der Abteilung für For-schung und Ausbildung. Aus dieser Abteilung sind einige Projekte hervorgegangen, darunter zum Bei-spiel der Aufbau einer Afrika-zentrierten Informations-börse, denn der Zugang zu Wissen und Informationen ist in Afrika ein Luxus den sich nicht viele Menschen leisten können. Diese Situation sieht noch schlimmer aus wenn man Zugang zu lokal und regional relevan-ten Wissen sucht. Daher hat AfricAvenir das Ziel auf den verschiedensten Ebenen und mit Hilfe der ver-schiedensten Mittel lokal und regional relevantes Wis-sen, zu sammeln und zu strukturieren. Diese Informa-tionen sollen dann der Bevölkerung leichter zugäng-lich angeboten werden. Dazu gehören die Bibliothek, der Zeitschriftensaal, die Videothek und die Internet-seite.
Trotz des lokalen und regionalen Bezugs der Organi-sation ist der Austausch und interkulturelles Lernen ein zentrales Thema in der Arbeit von AfricAvenir. Seit 1990 haben ca. 30 Studenten aus ein 3-6monatiges Praktikum in der Stiftung absolviert. Gleichzeitig konn-te Mitarbeiter von AfricAvenir immer wieder an Fortbil-dungsseminaren in Europa teilnehmen.
Meine Mitarbeit bei AfricAvenir lässt sich noch nicht genau festlegen. Voraussichtlich werde mich um den Zeitschriftensaal und die Bibliothek kümmern, bei meiner Liebe zu Büchern ist das bestimmt eine Arbeit die mir gefallen wird! Daneben werde ich dann zu erst Routinearbeiten am Computer erledigen. Wenn sich mein Französisch dann verbessert hat und ich mich an die bestimmt anderen Lebensverhältnisse, an das Klima und einfach an meine neue Umgebung gewöhnt habe, können dann wahrscheinlich auch selbstständi-gere Aufgaben hinzukommen. Ich werde bei AfricAve-nir die erste Praktikantin sein, die noch vor ihrem Stu-dium in der Stiftung mitarbeitet. Gewöhnlich kommen Studenten erst nach Vollendung ihres Grundstudiums zur Absolvierung eines Praktikums nach Douala und haben so natürlich ganz andere Vorraussetzungen als ich sie haben werde. Doch das ist auch ein Grund warum ich mich für einen Freiwilligendienst entschie-den habe: Ich möchte mich auf etwas vollkommen Neues, mir Unbekannten einlassen, ohne feste Erwar-tungen und vor allem von den Menschen, der neuen Kultur und den neuen Situationen lernen. In den mo-natlichen Rundbriefen werdet ihr dann erfahren kön-nen, wie sich mein Leben in Afrika gestaltet, wie mein Alltag aussieht und welche Erfahrungen ich mache.
2. Wohin die Reise geht: Kamerun
?Afrika in Miniatur - Kamerun vereint viele verschiedene Völker und deren Kulturen. Ob auf der Piste oder Schiene, per Buschtaxi oder im bunten Markttreiben: Die faszinierende Welt der des afrikanischen Kontinents ist in allen Facetten in diesem Land zu entdecken.? So fängt mein neuer kamerunischer Reiseführer an, eine Beschreibung die ich nun schon aus vielen verschiedenen afrikanischen und europäischen Mündern gehört habe.
Kamerun liegt im äußersten Westen Zentral-Afrikas und grenzt an den Golf von Guinea. Die Nachbarstaaten sind Nigeria, Tschad, Zentralafrikanische Republik, Kongo, Gabun und Äquatorial Guinea. Durch seine Nord-Süd-Ausdehnung durchschneidet Kamerun die verschiedensten Vegetations- und Klimazonen, vom regenreichen Küs-tentiefland mit riesigen Urwäldern über die zentrale Hochebene bis hin zu den halbwüstenartigen Trockenzonen des Nordens. Auch das ist ein Grund für die Bezeichnung ?Miniaturafrika?, da sich in Kamerun fast alle unterschiedlichen Landschaftsbilder und Lebensräume vereinen. Kamerun lässt sich also in vier Hauptzonen gliedern: die Küstenregion, das südliche Hochland, das Graßland im Westen, das Hochland von Adamaoua und der Norden.
Die 350 km lange Atlantikküste im Südwesten wird gesäumt riesigen Mangrovensümpfen, schwarzen Lavasträn-den, Felsenküste und herrlich weißen Palmenstränden. Unmittelbar hinter der Küste beginnt der Regenwald mit bis zu 50m hohen Baumriesen. Die flache Küstenregion wird durchbrochen durch das 4095m hohe Massiv des Mount Cameroon, der sich in der Höhe der Stadt Limbe fast unmittelbar an der Küste erhebt. Charakteristisch für die Küstenebene ist das feucht-heiße Klima mit extrem hohen Niederschlägen und entsprechend üppiger, immergrü-ner Vegetation. Douala, die Stadt, in der sich meine Arbeitsstelle befindet, liegt genau in dieser Klimazone, rund 5okm entfernt von der Küstenstadt Limbe. Das südliche Hochland hat eine durchschnittliche Meereshöhe von 600m und war ursprünglich bedeckt von dichtem Regenwald, der teilweise für Pflanzungen gerodet wurde. Auf diesen werden z.B. Kakao, Kaffee, Zuckerrohr und Tabak angebaut. Den verkehrstechnischen und wirtschaftlichen Zentralpunkt bildet die Landeshauptstadt Yaounde, nach der Einwohnerzahl die zweitgrößte nach Douala. Nach Norden hin nimmt die tropische Vegetation dann merklich ab, der Regenwald weicht dem Grasland. Auf Grund des vulkanischen Bodens gedeihen Gemüse und Früchte (?Gemüsegarten Kameruns?) reichlich, aber auch Kaffee, Tabak und Reis. Auf Grund dieser idealen Bedingungen ist diese Gegend die am dichtesten besiedelte des Landes. Das Hochland von Adamaoua ist wenig besiedelt und durch seinen felsigen Boden wenig Landwirtschaft. Die Menschen betreiben hier noch die traditionelle Viehzucht, das heißt nur zur Selbstversorgung. JE weiter man nun in den Norden vordringt desto trockener wird es. Die landwirtschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung ist im Norden schwierig aufgrund verkehrstechnischer Probleme, wegen der Vielfalt und Verstreutheit der Völker und aufgrund der Entfernung zum Zentrum und Süden.
Genauso vielfältig wie die geographischen Gegebenheiten Kameruns ist auch die Bevölkerung. In Kamerun gibt es mehr als 200 verschiedene Sprachen und dem nach mindestens ebenso viele Volksgruppen. Um nur einige Na-men zu nennen gibt es im Süden die Völker der Douala, Bakoko, Bassa und Ewondo. Im Norden leben unter ande-rem die Fulbe, die Haussa und Kapsiki. Jede dieser 200 verschiedenen Volksgruppen ist geprägt durch eine unter-schiedliche Kultur, Religion und Tradition. Doch durch die mehr oder weniger weit zurückliegende Verflechtung untereinander, können die einzelnen Gruppen nicht streng voneinander betrachtet werden, sondern ihre Lebens-gemeinschaften sind voller Übergänge. Die heutige Verteilung der Völker Kameruns ist das Ergebnis der Völker-wanderungen der letzten Jahrhunderte. Die verschiedenen Ethnien werden jedoch immer grenzüberschreitend betrachtet werden müssen, da die heutigen Staatsgrenzen Kameruns von den ehemaligen Kolonialmächten voll-kommen willkürlich gezogen wurden, ohne die jeweiligen Stammesgebiete zu berücksichtigen.
Die erste Amtssprache Kameruns ist Französisch, die zweite Englisch, denn noch heute lässt sich Kamerun nach dem Einfluss der ehemaligen Kolonialmächte in ein kleineres frankophones und großes anglophones Gebiet auftei-len. Douala z.B. ist frankophon, obwohl sich in den Hauptstädten natürlich alle verschiedenen Volksstämme und so auch die Sprachen mischen.
Statistisch gesehen sind in Kamerun etwa ein Drittle der Bevölkerung Christen, Moslems oder Animisten (Anhän-ger von Naturreligionen und Ahnenkulten). Ein ausgeprägtes Traditionsbewusstsein bildet die Basis des religiösen Denkens und so haben sich die verschiedenen Religionen nicht vollständig voneinander getrennt, sondern greifen oft ineinander. Geographisch könnte man Kamerun sehr oberflächlich einteilen in den islamischen Norden und den christlichen Süden. Der Animismus hingegen ist im ganzen Land präsent.
In Kamerun ist das gemeinsame Leben sehr stark vom Zusammenhalt der Familie geprägt. Es gibt neben den monogamen Ehen auch eine sehr stark verbreitete Polygamie. Der Europäer stellt sich einen polygamen Haushalt mit mehreren Frauen unter einem Dach meist voller Eifersüchteleien und Intrigen vor. Meistens ist jedoch das Gegenteil der Fall. Die Frauen verstehen sich untereinander oft sehr gut, oft hilft die erste Frau beim aussuchen der zweiten, die Frauen beraten sich untereinander wenn es Probleme gibt oder es dem Mann schlecht geht: Sie kümmern sich gemeinsam um ihre Kinder. Die Frau- oder in diesem Fall die Frauen ? haben eine große Ver-antwortung für die Familie. Der Mann, auch wenn es nach außen hin anders aussehen kann, hat kaum das je zuerst das Sagen. Dieses doch oft sehr harmonische Zusammenleben ist begründet auf einer traditionellen Art der Konfliktlösung: Das Palavern. Wenn es Konflikte oder Probleme in der Gemeinschaft gibt, so werden diese in gemeinsamen Diskussionsrunden bewegt und ausdiskutiert. Dabei geht es nicht darum das Gegenüber von seiner eigenen Meinung zu überzeugen, sondern sich zu allererst gegenseitig zu zuhören, Kritik zu äußern und auch genauso Kritik anzunehmen. Dabei kann jeder solange Reden wie er es für nötig hält. Ziel eines jeden Palavers ist es Entscheidungen eigentlich immer im Konsens zu fällen, auch wenn dieses erst nach langen Stunden der Fall sein kann. Konflikte werden so viel offener ausgetragen, als es in Europa der Fall sein kann. Probleme werden also nicht unter den Teppich gekehrt, wo sie dann ungelöst weiter existieren - und so noch viel mehr Schaden für die Gemeinschaft, die Familie anrichten könnten.
Dieser 1. offizielle Brief soll ja nicht nur an meine "finanziellen" Unterstützer gehen, sondern auch an meinen "see-lischen" Unterstützungskreis gehen, nicht? Viel Spaß beim Lesen,
Eure Julie
Bilder ergänzt von K.L.
Nr. 2
Douala, den 29.10.2003
Lieber Unterstützungskreis,
es ist nun wirklich Zeit einen zweiten Rundbrief loszu-schicken! Denn Sie und Ihr seid bestimmt alle sehr gespannt endlich etwas von mir zu hören. Seid gut sechs Wochen bin ich nun schon in Douala und immer noch ist jeder ein Tag wie ein kleines Abenteuer, es gibt immer neues zu entdecken, so viel zu lernen und zu erleben.
Ich arbeite mich nun langsam bei meiner Stiftung Afri-cAvenir ein, was aber als nicht immer so einfach ges-taltet. Im Gegensatz zu normalen Arbeitsbedingungen gibt es hier im Moment kaum Mitarbeiter, weil einige in den letzten Monaten gegangen sind. Das heißt ich bin hier im Moment schon mit die einzige Organisatorin und bekomme nur Hilfe von Teclaire und M. Nyame. Teclaire ist genau so alt wie ich, hat auch gerade ihren Schulabschluss gemacht und ist eigentlich nur für die Informationsbörse, also den Zeitschriftensaal zustän-dig. M. Nyame ist ?unser Mädchen? für alles, Chauf-feur, Manager der zu AA gehörenden Werkstatt und steht mir in vielen Dingen zur Seite. Nun soll aber hier aber bald wieder ein richtiges Programm stattfinden, das heißt viele verschiedene kulturelle, informative Veranstaltungen, wie z. B. Theater, Tanz, Musikgrup-pen, Podiumsdiskussionen, Buchvorstellungen, etc.Alles sehr interessant und spannend, aber für mich gestaltet sich das im Moment als eine kleine Heraus-forderung. Ich finde es schon eine ganz tolle Leistung so ein Programm in Deutschland zu gestalten, aber hier gestaltet sich es sich doch alles oft ein wenig schwieriger. Zum einen liegt das an der Sprache, mein Französisch ist natürlich schon viel besser geworden, aber es behindert mich teilweise immer noch, dann ist die Mentalität eine ganz andere, Geldmangel bei AA, die richtige Öffentlichkeitsarbeit, etc. ...
Und natürlich steht mir M. Professor Prinz Kum?a Ndumbe III, der Gründer und leiser von AfricAvenir mit Rat und Tat zur Seite. Doch er ist oft sehr viel unter-wegs, pendelt zwischen den zwei Kontinenten, von einer Konferenz in Wien, zu einem Seminar in Zürich und dann z.B. zu Prüfungen an die TU-Berlin. Doch wenn er da ist gestaltet sich alles sehr viel leichter. Er ist für mich wie eine kulturelle Brücke, in unseren zahl-reichen Gesprächen eröffnen sich mir immer neue Horizonte, er kann mir die Missverständnisse erklären, meine zahlreichen Fragen beantworten und sich ein-fach oft mit mir über meine kleinen alltäglichen Entde-ckungen freuen. M. Prinz Kum?a Ndumbe III gehört zu der Familie der Beule Bele. Diese Familie hat immer zwei Koenigstühle für das ganze Gebiet der Douala besetzt. Einer seiner berühmtesten Vorfahren ist der Koenig Rudolf Manga Bell, der sich in einem Aufstand den Gesetzen der damals deutschen Kolonialmacht wiedersetzte und daraufhin hingerichtet wurde. Heute werden die die traditionellen Könige von der Regierung ernannt. Der Regierung ist natürlich bewusst, über welchen enormen Einfluss und Macht diese Könige verfügen und sie versucht deshalb nur ihnen hörige, leicht beeinflussbare Personen einzusetzen. Der Streit um den Königsstuhl der Bele Bele hat insgesamt fast 10 Jahre gedauert.
M. Prinz Kum?a Ndumbe III lässt sich nicht manipulie-ren, er toleriert keine Korruption, erhat sich immer den falschen Geschäften der Regierung widersetzt und vor allem öffentlich seine Meinung gesagt. Anfang der 90iger Jahre wurde dann die Situation in Kamerun zu riskant und er ist dann für längere Zeit nach Europa ausgewandert, um dort an der TU-Berlin zu lehren. Die Arbeit von AfricAvenir hat aber nie aufgehört, er hat in Berlin mit seinen Studenten ein ?AfricAvenir Internatio-nal? aufgebaut, das bis heute in engen Kontakt mit uns arbeitet. In diesem Sommer wurde dann nach all den Jahren ein Koenig von der Regierung ernannt. Ein Koenig der von dem größten Teil der Bevölkerung nicht akzeptiert wird und eigentlich nur als Marionette der Regierung dient. Die Spannungen in der Bevölke-rung kann sogar ich manchmal spüren... Ich erzähle das alles, weil ich durch meine Rundbriefe nicht nur über meine Arbeit berichten möchte, sondern auch meinen Einblick in diese Kultur mit Ihnen und Euch teilen will. Und dazu gehören nicht nur die Arbeit, son-dern vor allem auch Berichte und meine Erlebnisse über die z. B. traditionellen und kulturellen Strukturen.
Das richtige volle Programm planen wir also jetzt für Januar.
Das heißt der gesamte Dezember und auch schon im November sind wir dabei dieses Programm vorzuberei-ten. AfricAvenir wird nämlich genau 10 Jahre alt und so wollen wir eine Jubiläums-Ausstellung organisieren, die dann auch in andere Institutionen weiterwandern kann. Zum Beispiel zu den Unis in Douala und Yaundé. Das heißt es müssen Referenten eingeladen werden, die Ausstellung muss gestaltet werden, Öffentlichkeitsar-beit, Programme erstellen, etc.. Es gibt viel zu tun. Und ich bemerke halt immer wieder dass die Arbeit hier viel mehr Zeit in Anspruch nimmt. Allein der weite Gang zum Internet-Café, bis man A4 auf A3 kopiert und dann noch die richtigen Fotopappen ? das sind nur ein paar Beispiele, die verdeutlichen, dass hier manchmal alles viel länger und Kraft raubender sein kann. Es gibt ein berühmtes Zitat eines Berliner Studenten: ? Was in Deutschland einen Tag braucht, schafft man in Kame-run nur in drei Tagen, aber was man an einem Tag in Kamerun erlebt, füllt in Deutschland bestimmt eine Woche aus.?
Ein normaler Arbeitstag gibt es AA eigentlich nicht. Ich bin meistens so gegen 8:00 Uhr in meinem Büro-. Be-spreche mit Teclaire den Tag und beginne dann meine verschiedenen Projekte. Zum Beispiel das Kino-Programm für diesen Monat auszuarbeiten, Theater- und Tanzgruppen einplanen, Formulare für die zu AA gehörende Werkstatt anzufertigen und die dann zu-sammen mit M. Nyame zu verwalten, Briefe verschi-cken, Kinoabende vorbereiten, die Informationsbörse weiter zu strukturieren und organisieren, die Öffentlich-keitsarbeit weiter vorzubereiten und im Moment bin ich gerade dabei ein Theater-Manuskript von Professor Prinz Kum?a Ndumbe III zu scannen. Er hat es zu einer Zeit geschrieben als noch nicht unseren guten Helfer den Computer gab, sondern nur die Schreibmaschine. Mein Scanner mag diese Schrift aber nicht so gerne und so gestaltet sich es als eine Heidenarbeit, aber auch als großes Vergnügen, sich mit diesem Theater-stück so genau zu beschäftigen. Es wurde nämlich nur in Französisch veröffentlich und nun soll nach Jahren auch die deutsche Veröffentlichung folgen. Gegen Mittag gehe ich dann essen.
Die kamerunische Küche in Douala ist super-lecker! Man muss das so genau unterscheiden, weil jede Re-gion Kameruns eigentlich andere Spezialitäten hat. Hier gibt es jedenfalls immer gaaaanz viel Fisch, nur ganz selten Fleisch, fast keine Milchprodukte und im-mer sehr viel Gemüse und Obst. Besonders der Mani-ok (!) hat es mir angetan. Man bereitet ihn sehr unter-schiedlich zu. Meine liebste Weise ist der Miondo. Da-für wird der Maniok ganz fein gerieben, mit Wasser vermischt und in Palmenblatter gewickelt. Diese wer-den mit Bambusfasern umwickelt und im Wasser ge-kocht. Es entstehen so sehr feste fermentierte ?Schlangen?, die vom Geschmack her hervorragend zum Fisch passen. Die Zubereitungsdauer beträgt dafür mindestens 4 Tage,
das ist ein gutes Beispiel für die kamerunische Küche, die alles andere als eine Fast-Food Kultur ist. (Für meinen Onkel Konrad: Insgesamt ist die Ernahehrung sehr fettig, aber es wird nur mit pflanzlichen Fetten gekocht, z.B. Palmöl, Erdnussöl, Soyaöl und ähnli-ches.) Und das Obst, wie zum Beispiel Ananas, Bana-nen, Papaya, Avocado, Zuckerrohr ist wirklich ein rei-ner Genuss. Besonders die Ananas explodiert förmlich im Mund!!!
Nach dem Essen mache ich immer so ungefähr eine Stunde Pause. Dann geht es wieder weiter.... Gegen 18-19 Uhr ist dann meistens Feierabend, wenn es nicht eine Abendveranstaltung oder Besprechungen gibt, dann kann sich alles natürlich bis spät in die Nacht ziehen.
Neben diesen normalen Arbeitsaktivitäten entdecke ich im Moment immer mehr den kamerunischen Alltag. Zum Beispiel das Taxi-Fahren! Beim ersten Mal war ich noch furchtbar nervös, jetzt bin ich schon ein alter Hase. Zum Taxi-Fahren stellt man sich an die Strasse und wartet bis eines der unzähligen Taxis vorbei-kommt, dann entscheidet man sich ob man es mit die-sem wagen möchte (es gibt nämlich welche, wo ich lieber nicht einsteigen würde), schreit dem Fahrer sei-nen Bestimmungsort und die Summe für das Wechsel-geld zu. Und auf geht es... In ein Taxi passen in Kame-run bis zu acht Leute, das heißt zwei auf den Vorder-sitz, vier auf die Rückbank und einer in den Koffer-raum. Kinder nicht mitgerechnet. Bis in die Stadt dauert es ungefähr eine gute halbe Stunde, wenn es nicht zu viel Stau auf der Brücke gibt, die Bonaberi mit der Stadt verbindet. Diese Brücke über den Wouri Fluss ist sozusagen der Knotenpunkt der Stadt, da über sie der ganze Westen Kameruns mit Douala verbunden wird. Einmal muss ich immer umsteigen, in dem ganzen Gewusel, das richtige Taxi finden und schon bin ich in der Innenstadt. Eigentlich kann man nur das Internet in der Stadt benutzen, da die Cafés hier in Bonaberi fast immer super langsam sind und dann immer in dem Moment abstürzen, wenn man gerade seine fertige E-Mail abschicken möchte.
Außerdem habe ich eine andere Leidenschaft ent-deckt: Das Mopedfahren. Es ist sogar noch billiger als das Taxi, viel lustiger und praktisch für kleine Strecken, wenn man es eilig hat. Man sitzt also auf dem ?Moto?, klammert sich so fest wie möglich und brettert dann, manchmal mit einem ganz schönen Tempo, oft im Sla-lom um die Schlaglöcher.... Jedenfalls wird aus der Mimose Julie, die im deutschen Straßenverkehr selbst für Blätter bremst, eine richtige Abgebrühte. Das muss man aber hier auch werden, weil es sonst an die Ner-ven und Substanz geht!
Seit einer Woche bin ich nun auch Mitglied des Kir-chenchores der evangelischen Kirche in Bonaberi. Dort wird ausschließlich Douala gesungen und geredet, was gerade bei einer sehr ausführlichen Predigt schon sehr langatmig werden kann. Aber das Singen macht echt Spaß und wenn es wieder keinen Text gibt ( Die Kame-runer können alles auswendig, das heißt immer einen ganzen Chor-Satz!!), singe ich trotzdem immer lauthals die Melodie in ?meinem? Douala mit. Verstehen tue ich natürlich überhaupt nichts, aber dass Lesen ist nicht so schwierig, weil es den deutschen Lauten ein wenig ähnelt. Für mich ist es wohl zum Beispiel auch einfa-cher als für einen Franzosen. Wenn ich mein Franzö-sisch ein wenig mehr im Griff habe, möchte ich auf jeden Fall auch ein wenig Douala lernen! Wir proben zwei Mal die Woche und zusätzlich gibt es dann immer noch die diversen Veranstaltungen. Zu dem wöchentlichen Gottesdienst, kommen noch Beerdigungen, Konzerte, Hochzeiten, etc.. Letzte Wo-che war ich schon das erste Mal auf so einer Beerdi-gung, welche wirklich sehr bewegend und berührend für mich war. Denn ich war nicht nur ein Besucher, ein Tourist, der sich mal unbedingt so ein Spektakel an-schauen muss, sondern ich war ein Mitglied des Cho-res, das heißt wirklich ein Teil dieser Veranstaltung. Bei Beerdigungen trägt der Chor dann immer eine wei-ße Kaba (langes Kleid mit weiten Ärmeln ein weißes Tuch.
Morgen treffe ich mich dann privat mit dem Chorleiter, weil er unbedingt meine Klarinette integrieren möchte!!! afrikanischen Chören gibt es immer einen Solo-Sänger, dem der Chor antwortet. So ähnlich wie beim ?Koenig der Löwen?... Diesen Part soll ich nun mit meiner Klarinette übernehmen ? ich bin mal gespannt, wie das klappt!
In der letzten Zeit mache ich jetzt ab und zu kleinere Ausflüge um das Land weiterhin zu entdecken, wie zum Beispiel nach Yaundé. Nach Yaundé bin ich mit Monsieur Prinz Kum?a Ndumbe III gefahren. Für ihn war es ein Geschäftsreise ? für mich eine kleine Sight-seeing-Tour. Nach Yaundé fährt man fast nur 3 Stun-den, aber man ist gleich schon in einer ganz anderen Landschaft und Klimazone. Douala liegt ja am Fluss Wouri, in einem ehemaligen Sumpfgebiet. Yaundé dagegen liegt auf richtigen Hügeln, fast Bergen und es ergeben sich immer wieder herrliche Ausblicke. Die Erde ist in Yaundé tief rot, was einen wunderschönen Kontrast mit der üppigen grünen Vegetation bildet. Das Klima ist in Yaundé viel angenehmer, im Vergleich mit Douala fast europäisch. Die Luft ist weniger schwül, es weht ein noch kräftigerer Wind und nachts wird es so-gar mal richtig angenehm kalt! Für mich war es mal eine Wohltat morgens im Bett ein wenig zu frösteln!!! Diese zwei Tage waren für mich wieder total span-nend. Ich bin das erste Mal ganz alleine in Yaundé unterwegs gewesen, das heißt ich wurde im Stadtzent-rum absetzt und 2-3 Stunden später wieder abgeholt. Ich hatte mich für diesen Tag extra ein wenig ?stadt-fein? gemacht, für europäische Verhältnisse absolut sittlich und fast brav..., aber nicht so für Yaundé! Nachdem ich zwei Stunden mehrere Heiratsanträge, unzählige Komplimente und ständige orale Bestätigun-gen meiner Hautfarbe bekommen hatte, floh ich in die Notre Dame Kathredale um mich dort wider ein wenig zu regenerieren. Als ich später meine Erlebnisse M. Kum?a Ndumbe III und M. Nyame erzählte, haben die sich nur köstlich amüsiert. Am nächsten Tag habe ich mir dann lieber eine hochgeknöpfte Bluse angezogen.
Yaundé habe ich als wunderschöne Stadt der krassen Gegensätze wahrgenommen. Das bombastische Hotel Hilton, riesige Banken und Botschaften, der überdi-mensionale Präsidentenpalast auf einem der Hügel mit Blick auf die ganze Stadt liegen unmittelbar neben den kleinen Märkten, auf denen jeder noch versucht aus allerlei Ramsch ein wenig Geld zu verdienen, neben der kleinen Hütte, in der die ganze Familie wohnt und dem verkrüppelten Bettler. Kamerun ist kein Land in dem die Menschen hungern, denn die Vegetation ist so üppig und fruchtbar, jedenfalls im größten Teil des Landes, dass eigentlich jeder Mensch zu essen hat. Aber es gibt diesen riesigen Kontrast zwischen dem absoluten Reichtum und der totalen Armut. Und ich wandele dann zwischen den Extremen, einerseits habe ich als Schülerin für europäische Verhältnisse nicht viel Geld, habe noch nie ein Hotel Hilton von innen gese-hen und doch bin ich den Augen der meisten natürlich die Weiße, die im Geld schwimmt und in keine anderes als so ein Luxusmilieu gehört. Es fällt mir noch immer schwer meinen Platz in diesen Denkmustern zu finden, da ich mir natürlich bewusst bin, viel mehr zu haben als viele anderen, aber gleichzeitig es dadurch diese festen Bilder manchmal ziemlich schwierig ist mit den Menschen in einen echten Kontakt, einen Austausch zu kommen, der nicht immer auf das eine hinausläuft. Das eine ist oft die Frage nach der Telefonnummer, man soll gleich den Eltern vorgestellt werden, unzähli-ge Komplimente über meine ?Schönheit? und dann laufen viele Gespräche daraufhinaus, wie ich sie doch an die Uni nach Deutschland bringen könnte. Oder es wird mir zum Beispiel immer wieder hintergerufen, warum ich als weiße Frau denn nun zu Fuß laufe... Das sind natürlich oft nur diese oberflächlichen Begeg-nungen, von denen die Beziehung mit meiner AA-Familie ausgeschlossen ist!!! Und immer wieder erlebe ich diese Offenheit, Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Menschen. Mein Mitfahrer im Taxi, der mir auf meiner ersten Fahrt in die Stadt sehr viel weiter geholfen hat, meine Nachbarin im Chor, die mir immer alles geduldig ins Französische übersetzt, und, und ,und.... Und gleichzeitig versuche ich mir auch natürlich klar zu machen vorher diese festgefahrenen Bilder kommen. Ein Grund ist ganz klar das Medium Fernsehen und es gibt wirklich in fast jeder Familie ein TV-gerast. Bestimmt 90% der Filme kommen aus Eu-ropa oder Amerika. Es wird den Menschen immer wie-der diese heile blitz-saubere Welt vorgespielt, in der scheinbar gar keine Probleme geben. Und damit brin-gen sie natürlich jeden europäisch ausgehenden Men-schen damit in Verbindung.
Dieses eine Beispiel muss man aber genau so umdre-hen, denn welche Bilder bekommen wir überhaupt von Afrika? Wenn Afrika überhaupt in unseren Medien eine Rolle spielt, dann bestimmt fast immer in Verbin-dung mit Konflikten, Hunger, Naturkatastrophen und AIDS. Unser Lieblingssatz hier ist der Kommentar ei-nes Bekannten zur Reise nach Afrika: ?Was soll ich denn in Afrika, das Elend muss ich mir doch nicht noch anschauen!!!? Ich glaube, dieser Satz bedarf keiner Erläuterung...
Und darum verstehe ich unter meinem Aufenthalt: Ei-nen echten Austausch zu erleben, ein Eintauchen in eine mir noch vor kurzem so fremden Kultur, die mir aber ganz langsam immer vertrauter und verständli-cher wird. Das ist natürlich ein sehr langsamer Pro-zess, der mir aber durch die Offenheit und Freundlich-keit der Menschen sehr erleichtert wird. Ich habe auch das Gefühl hier immer mehr anzukommen, dieses pul-sierende Leben unter der heißen, schwülen Sonne einatmen zu können und verspüre auch viel mehr E-nergie und Kraft, als ich es oft in Deutschland hatte. Es gibt hier einfach nicht so viel Schwere, diesen Druck immer etwas erreichen zu müssen, nicht so viel Stress... Dieses ?wenn ich das jetzt nicht schaffe, dann..... dann macht man es halt in Douala am nächs-ten Tag!?
Ich bin sicher, dass man erst in einem Land leben, die Mentalität, Traditionen und kulturellen Strukturen ken-nen lernen muss, bevor man mit eigenen Ideen Dinge verändern, verbessern kann. Das ist aber nicht die Arbeit der sogenannten Entwicklungsorganisationen. Diese entwickeln nämlich ihre Konzepte in ihren Hei-matländern, um sie dann in zum Beispiel in Kamerun zu verwirklichen. Eine wirkliche Zusammenarbeit und gleichberechtigter Austausch zwischen den Afrikanern und z.B. Europäern findet nur sehr selten statt. Und darin sehe ich einen großen Fehler und einen so drin-genden Nachholbedarf. Denn wenn das nicht stattfin-det, wir es nie ein Gleichgewicht in der Kommunikation in dem so wichtigen Nord-Süd-Dialog geben können. Meinen Aufenthalt möchte ich als einen ersten kleinen persönlichen Schritt in diese Richtung verstehen. Denn durch meine Rundbriefe, kann ich Ihnen und Euch, ein Land und vor allem auch die Arbeit meines Projektes näher bringen - einen Austausch kreieren - von dem man in unseren Medien kaum etwas hören würden.
Nun neigen sich meine vier Seiten schon dem Ende zu. Bei manchem bin sehr ins Detail gegangen, ande-res habe ich nicht mehr geschafft zu berichten.... Aber ich hoffe, dass Sie und Ihr einen ersten kleinen Einblick in meine Arbeit und mein Leben in Kamerun, Douala bekommen konntet. Und an dieser Stelle möchte ich mich auch im Namen von AfricAvenir noch einmal sehr, sehr herzlich für die Unterstützung bedanken!!
Viele herzliche Güsse, Ihre und Eure Julie?Marthe Lehmann
NR. 3
Douala, 28.11.2003
Lieber Unterstützungskreis,
nun ist es wieder so weit - der Monat November neigt sich dem Ende zu und so ist es wieder Zeit den drit-ten Rundbrief an Sie und euch zu verschicken. An diesen Rundbriefen merke ich immer wie schnell die Zeit hier verfliegt! Bald bin ich schon drei Monate in Douala, das heißt ein Drittel meiner Zeit ist hier schon um...
Ich habe in meinem letzten Brief vergessen zu er-wähnen, wo ich eigentlich wohne. Ich wohne als ers-te Praktikantin direkt in der Familie von M. Prinz Kum?a Ndumbe III. Das hat zum einen damit zu tun, dass er gerade sein zweites Haus renoviert hat und zum zweiten auch bisschen mit der politischen Lage, somit auch Sicherheitslage für mich.
Das ist kein Grund sich Sorgen zu machen, aber man sollte manchmal lieber ein wenig vorsichtiger sein.
Für mich ist aber die Wohnsituation sehr angenehm, denn unsere beiden Häuser befinden sich direkt ne-ben AfricAvenir. In einem der beiden Häuser esse ich, lebe mein Familienleben aus und in dem ande-ren Haus schlafe ich, kann mich ungestört in mein kleines Reich zurückziehen, was für mich manchmal absolut notwendig ist! In der afrikanischen Kultur kennen dieses Gefühl eigentlich nur sehr wenige, denn man hat am liebsten immer ganz viele Men-schen um sich herum... Meine kleine Familie besteht also aus Monsieur und Madame Kumá Ndumbe III, Auguste und Sita. Sita ist eine direkte ältere Cousine von Madame Kumá Ndumbe III, eine absolute Per-sönlichkeit und eine wunderbare Köchin. Sita kann eigentlich nur Duala und wie ich gerade herausge-funden habe auch noch Pidgin-Englisch sprechen und unsere Unterhaltungen auf Franzosikh sind manchmal aufnehmenswert! Neben diesen festen Familienmitgliedern gibt es aber immer noch ganz viele, die oft zu Besuch kommen und einfach mal mitessen, den Abend mit uns verbringen und dann wieder nach Hause fahren.
Abends gebe ich jetzt oft "meinem Bruder" Auguste Deutsch- und Englischnachhilfe. Wir beide verstehen uns wirklich super und es schön für mich nicht wieder das absolute Einzelkind zu sein! Also finden unsere Unterhaltungen immer auf Englisch für ihn, Franzö-sisch für mich und ab und zu schon mal ein paar Brocken Deutsch, was ihm aber noch sehr schwer fällt. Er ist der Neffe von Madame Kumá Ndumbe III und lebt bei uns wie ein Sohn der Familie, da seine Eltern die Schule nicht bezahlen können. Das ist auch Beispiel für den großen Zusammenhalt und Verbindung in den afrikanischen Familien: Wer mehr hat, der hilft, gibt den anderen. Ist einer in Not, kann er auf die Hilfe des anderen zählen, genauso, wie er dem anderen später wieder helfen wird. In einem Land, in dem es so gut wie kein Sozialsystem vor-handen ist, ist das die beste Kranken,-Lebens,-Haftphflicht- und sonstige Versicherung.
Mir passiert jetzt immer wieder ein ganz bestimmtes Erlebnis. Ich sitze z. B. im Taxi und auf einmal, spricht die Frau hinter mir mich mit meinem Namen an und mitten in der Innenstadt schüttelt mir ein fremder Mann die Hand und ruft mich wieder bei meinem Namen ... Die ersten Male habe ich mich noch erschreckt und dachte um Himmelswillen, wa-rum kennen die mich jetzt und ich sie aber überhaupt nicht! Bald habe ich aber verstanden, dass all diese Menschen Mitglieder meiner großen Familie in unse-rem Dorf Bonabéri sind! Bonabéri ist ein Stadtteil Douala , der etwas abgelegen hinter der Brücke über den Wouri liegt, darum wird es oft liebevoll als Dorf bezeichnet. Durch meine Arbeit bei AfricAvenir, mein Zuhause beim Prinzen Kumá Ndumbe III und vor allem durch meine Teilnahme am Chor, bin ich jetzt glaube ich so ziemlich im ganzen Stadtviertel be-kannt. Wenn ich durch die Strassen gehe, werde ich oft gegrüßt, von irgendwelchen Chormitgliedern, die ich noch gar nicht kenne oder wieder von einem ent-fernten Onkel, Tante oder Cousine meiner, für mich noch immer sehr, sehr unübersichtlichen riesigen Familie. Das was mich bei meinem Vater in Hitzacker manchmal schon sehr genervt hat, passiert mir nun selber hier. Vielleicht liegt das den "Lehmanns" im Blut... Ich werde aber nicht nur gegrüßt, mir wird nicht nur einen guten Abend gewünscht, sondern ich wer-de immer mit "ma fille" - meine Tochter - angespro-chen. Auch andere erzählen mir, wenn ich vorbei gehe, dass die Leute oft auf Duala sagen, da ist "notre fille" -unsere Tochter. Für mich ist das ein gro-ßes Geschenk, ein Gefühl, das mich hier wie zu Hause leben lässt. Und wieder kann ich in diesen kleinen Situationen den direkten Austausch mit den Menschen erleben, einen wirklichen für viele neuen Austausch unserer Kulturen.
Denn das Bild, das so viele in einem Weißen haben, finden sie in mir nicht. "Der" Weiße ist schon oft der mit dem dicken Auto, den man eigentlich nur vom Weg vom Hotel bis zum Mercedes sieht. "Der" mit dem vielen Geld, der in der Chef-Etage sitzt und somit nie mit dem größten Teil der Bevölkerung in Kontakt kommt, also unerreichbar ist. Auf einmal bin ich aber mitten drin, darf ganz nah an ihrem Leben teilnehmen und einen für viele immer noch tiefen Graben überqueren. Dieser Austausch ist glaube ich für beide Seiten sehr, sehr wichtig und erfüllend. Außerdem ist es für mich mich hier in Bonabéri noch viel sicherer, weil mich so viele kennen, mir jederzeit helfen würden und ganz einfach immer ein Auge auf mich haben...
Vor einigen Tagen bekam ich eine E-Mail von mei-nem Vater, dass ein alter Freund nach langer Krankheit im Alter von 93 Jahren verstorben ist. Mein Vater und seine Frau waren bei ihm, als er einschlief - sein einziger Sohn hatte keine Zeit zu kommen. Am Telefon war es dann ihm wichtiger von den nun auf ihn zukommenden Kosten und organisatorischen Angelegenheiten zu sprechen, als zu hören wie es seinem Vater bis zu seinem Tode ergangen war... Später soll dann die Urnenbeisetzung folgen, wie viele Menschen zu Beerdigung kommen ist fraglich.
Szenenwechsel auf einen anderen Kontinent: Ich fuhr mit meiner Maman II ( Madame Kumá Ndumbe III) und Joli (Meinem Lieblingsneffen der Familie) das erste Mal auf eine " afrikanische Beerdigung". Doch was in Deutschland an einem Tag ein Gottesdienst mit anschließender Bestattung ist, das zieht sich in Afrika über Tage, manchmal Wochen hin. Dieser Abend war dazu bestimmt unser Beileid zu bekun-den. Die Verstorbene war eine Cousine unserer Fa-milie, die ihre Mutter, ihren Mann und Kinder hinter-lassen hatte. Gegen 20 Uhr sind wir in die Stadt gefahren, über den Wouri-Fluss in den Stadtteil Ak-wa. Ich wusste, dass zu so solchen Anlässen viele Menschen kommen werden, aber was ich dann ge-sehen habe, hätte ich mir nie vorstellen können: Zu diesem Anlass war eine ganze Strasse gesperrt wor-den, unter einem Art langgestreckten Pavillon stan-den unzählige Stühle, die Luft war erfüllt von Gesang und Gebeten. Als erstes gingen wir durch einen Hin-terhof in ein Haus, wo der Sarg aufgebart stand, die engsten Familienangehörigen befanden sich im glei-chen Raum und schüttelten den endlos an ihnen vorbeiziehenden Menschen die Hände, wurden in den Arm genommen und konnte so ihr Leid mitein-ander teilen. Danach gingen wir in ein anderes Haus, wo sich die Mutter der Verstorbenen befand. Sie war umringt von ihren engsten Verwandten, seit dem Tod ihrer Tochter wurde sie nie auch nur eine Sekunde alleine gelassen und das würde auch nicht in den nächsten Wochen der Fall sein. Diese alte Frau hatte seit dem Tod ihrer Tochter fast nichts mehr geges-sen, brach immer wieder in Tränen aus und mussten von ihren Liebsten gehalten werden. Als wir dann auch dort unser Beileid durch unsere Anwesenheit ausgedrückt hatten, gingen wieder nach draußen und nahmen unter dem Pavillon auf den Stühlen platz, die für unseren Teil der Familie bestimmt war. Es wurde ganz viel gesungen, vor allem von dem Chor der Verstorbenen, es wurde gebetet, es wurden Re-den gehalten und es wurde in Stille gesessen. An diesem Abend waren insgesamt über 1.000 Men-schen anwesend!!! Am nächsten Tag der Beisetzung wurden dann noch mehr erwartet... Bei dieser Feier handelte es sich nicht um einen Ausnahmefall, um eine Frau die besonders bekannt war, sondern um eine Frau, die von ihrer Familie geliebt wurde, die im Kirchenchor gesungen und sich ehrenamtlich enga-giert hatte.
Die Toten sind in Afrika nicht tot. Sie leben als Ahnen weiter, nicht sichtbar, man kann sie nicht anfassen, aber sie sind da! Sie können die Lebenden unterstüt-zen, ihnen zur Seite stehen, aber auch wenn sie nicht zufrieden gestellt, sind Unheil anstellen. Auch wenn das Christentum sich natürlich mit diesem Glauben sehr stark vermischt hat, so kann ich doch bei einer solchen Feier etwas davon spüren. Und auch das der Mensch niemals alleine ist, immer ist die Familie, sind die Freunde und Bekannten da und das über den Tod hinaus. Und darum ist es auch so wichtig viele Kinder zu bekommen, denn wenn man nicht erinnert wird, wenn es keine Nachkommen gibt, die so eine große Feier veranstalten, dann gerät man in Vergessenheit und das bedeutet dann den wirklichen Tod!
Und was hat das nun mit dem alten Freund meines Vaters zu tun? Mir wurde nur wieder bewusst, was wir in unserer europäischen Kultur verloren haben. Durch Fortschritt, technische Errungenschaften, bes-sere Lebensverhältnisse, mehr Sicherheit, etc. ....?
Die Familienstruktur hat sich dabei aufgelöst, die alten Menschen stehen nicht mehr mitten im Leben, sondern werden notgedrungen an den Rand ge-drängt, meistens aus Zeitmangel. Die jüngere Gene-ration ist meistens einfach zu beschäftig, um sich um alle Familienmitglieder zu kümmern. Ich weiß, dass das Beispiel dieses Freundes nicht die Norm dar-stellt, aber es auch auf jeden Fall kein Ausnahmefall. Dagegen wird mir oft bei einem Besuch in einer ka-merunischer Familie irgendwann die Großmutter und der Großvater vorgestellt und wenn es nur das Foto ist. Und durch solche Erlebnisse in dieser Kultur wird mir wieder bewusst, wie wichtig dieser Austausch zwischen den Generationen ist, bestimmt auch be-sonders beeinflusst durch die Erfahrungen mit meiner Oma in Deutschland. Und das ist etwas was wir vielleicht von der afrikanischen Kultur lernen können, dass wir in einem Deutschland, in dem die Menschen immer älter werden, uns wieder mehr Zeit für einan-der lassen: Zeit für einen Austausch, gegenseitiges Lernen und die Gemeinschaft in der Familie.
Und dann habe ich in diesem Monat wieder einen kleinen Ausflug gemacht. Diesmal nicht in die Groß-stadt Yaundé sondern in die ganz andere Richtung - nämlich aufs Dorf. Wenn jemand in Kamerun vom Dorf spricht, dann ist das nicht irgendein ein Dorf, sondern "sein" Dorf. Das heißt das Dorf, in dem die Wurzeln liegen, von dem die ganze Familienge-schichte ausgeht und zu dem man immer irgendwann zurückkehren wird, wenn nicht als Lebender, dann bestimmt um dort begraben zu werden. Ich habe schon Kameruner kennensgelernt, die seit mehreren Generationen in z. B. Douala leben, aber immer noch in dieses Dorf der Urväter zurückkehren.
Ich wurde von Téclaire (meiner "Kollegin" bei AfricA-venir) eingeladen sie auf ihr Dorf zu begleiten. Ei-gentlich wollten wir schon am Freitag Abend los und bis Sonntag bleiben, aber da ich mal wieder nicht auf einer Beerdigungsfeier mit meinem Chor fehlen durf-te, mussten wir das auf den nächsten Tag verschie-ben. Am Samstag Morgen habe ich mich dann also 5.45 Uhr aus dem Bett gequält um pünktlich, wie verabredet, in 45Min fertig gepackt für der Tür zu stehen. Da stand ich dann auch, aber hatte mal wie-der nicht mit der afrikanischen Zeit gerechnet.... Eine Stunde später hat mich dann meine liebe Teclaire schlafend auf dem Sofa vorgefunden. Also ging es dann mit "einiger" Verspaetung endlich los, nachdem wir dann auch die Schwester besuchten, ein Brief für eine Freundin abgeholt wurde und natürlich noch diverse Mitbringsel vom städtischen Markt gekauft wurden. Ich war schwer ausgerüstet mit Moskito-Netz, ganz viel Autan, lange weiße Hemden und Trinkwasser, wie auf einer richtigen Expedition! Das Taxi war mal wieder brechend voll, aber das kann mich ja nun nicht mehr erschüttern, so lange der Fahrer nicht meint sich mit unserem Schuhmacher messen zu müssen, denn dann wird mir schon immer ein bisschen anders... Die Fahrt sollte eigentlich nur 15 Minuten dauern, was mir schon sehr knapp ein-geschätzt vorkam. So waren wir dann auch erst nach einer guten 45 Minuten am Ziel, in unserem Dorf Dibombari angelangt. Und nach dieser kurzen Fahrt hatte ich wirklich das Gefühl in einer anderen Welt gelandet zu sein. Alles hektische, der Stress den ich mir letzter Zeit gemacht hatte, die ganze Anspan-nung fiel auf einmal von mir ab, weil hier einfach kein Platz dafür war! Ich konnte mich in dieser ländlichen Gemütlichkeit, wo alles ein wenig langsamer vor sich geht, richtig fallen lassen... Das Dorf ist viel weitläu-figer als die Stadt, denn wo sich in Douala mehrere Familien ein kleinen Hof teilen, so hat hier in der Regel jede Familie neben ihrem Haus auch einen eigenen Garten. Zu einem Haus gehört auch immer das Küchenhaus: Die Küche befindet sich fast immer außerhalb der Schlaf- und Wohnräume. Einen E-lektro- oder Gasherd habe ich bei meinem kurzen Aufenthalt nicht gesehen, sondern alles wurde über dem Feuer auf drei Steinen gekocht. Über dem Feuer befinden sich auf einem Holzgestell noch einmal ganz viele verschiedene schwer zu beschreibende Lebensmittel, die so täglich mit geräuchert werden. Eines davon nennt sich ..... und wird wie der Miondo auch aus Maniok hergestellt, in Palmenblätter gewi-ckelt und so lange auf diese Weise geräuchert, dass er eine trockene Substanz bekommt: Zusammen mit den immer beliebten frisch gerösteten Erdnüssen - einfach köstlich!!! Die Küche wurde mein Liebling-sort, einfach auf den kleinen Holzhockern sitzen, supersüße Babys auf den Knien schaukeln, sich unterhalten oder nur dem Duala lauschen, kleine Köstlichkeiten schnaseln und vor allem den Köchin-nen auf die Finger gucken. Wenn ich wieder bei Ih-nen/ euch in Deutschland bin, muss ich Sie/euch doch ein wenig mit der afrikanischen Küche verwoh-nen können! Nach der kurzen Nacht und durch mei-ne plötzliche innere Entspannung habe ich dann seit langem wieder einen wunderschönen Mittagsschlaf gehalten. Gleich nach dem Aufwachen hieß es Handtuch packen und los ging's zum Waschen an den Fluss. Es gibt zwar jetzt überall im Dorf Wasser-pumpen, aber trotzdem wollte man mir doch gerne den richtigen Fluss, Quelle zeigen. Der kleine Spa-ziergang durch diese wunderschöne Tropenland-schaft war für mich wieder total beeindruckend und ich bin langsam dabei, immer mehr Pflanzen ihrem Namen und vor allem auch ihrer Verwendung zu ordnen zu können. Bis zum Wasser muss man dann einen schon sehr steilen Hang hinunter klettern und dann befanden wir uns in meinen Augen mattem im Paradies. Den Himmel konnte man vor lauter Pal-men, Lianen und anderen üppigen Pflanzen nicht mehr sehen, die Luft war erfüllt von Grillen und Vo-gelgeschrei und vor uns lag dieser kleine See, den die Quelle gebildet hatte, bevor sie als Bach weiter-floss. Das Wasser war herrlich kühl und bald spran-gen wir Mädels, nackig wie die Natur uns geschaffen hat, im Wasser herum. Endlich mal wieder im Was-ser zu sein war für mich herrlich und tausendmal schöner, erfrischender als jede Dusche!
Am Abend sind wir zum NGondo gegangen, der ge-rade in diesem Dorf begonnen hatte. Der NGondo ist das größte traditionelle Fest der Küstenvölker zu denen ja auch die Douala gehören. Der NGondo fängt im November an und hat seinen Abschluss und Höhepunkt am 7. Dezember, dem ersten Sonntag im Dezember, in Douala. Bei diesem kleinen lokalen NGondo wurde entschieden, wer später in Douala die Region vertreten dürfe. Zu diesem Anlass waren alle traditionellen Chefs der Umgebung gekommen. Es wurde ein riesiger Platz abgesteckt, in der Mitte fanden die traditionellen Kämpfe statt, alles wurde von Tanz und Musik begleitet - und ich war wieder so beeindruckt und dankbar mitten drin sein dürfen, diese so stark gelebte Kultur miterleben zu können und habe mal wieder so viele unbeschreibliche Bilder gesammelt. Die genaue Beschreibung und Bedeu-tung des NGondos folgt in meinem Dezember-Rundbrief, wenn ich dann alle Festlichkeiten, vor allem auch die in Douala erlebt habe. Am nächsten Morgen habe ich herrlich ausgeschlafen, das heißt fast bis 8.30 Uhr - mein Schlafrhythmus hatte sich schon sehr dem Klima und Lebensgewohnheiten in Kamerun angepasst. Dann folgte wieder der obligato-rische Kirchengang, an den ich mich schon so ge-wöhnt habe, dass ich mir einen Sonntag ohne ihn fast nicht mehr so richtig vorstellen kann. Den restli-chen Teil des Morgens habe ich dann in der Küche gekocht. Denn ich wollte doch nun endlich lernen wie man meinen geliebten "poisson braisé" (gegrillter Fisch) macht. Alles war doch ein wenig komplizierter (so viele verschiedene, mir völlig unbekannte Gewür-ze!), als ich mir das vorgestellt hatte, aber ich war mit "meinem" Ergebnis höchst zufrieden. Nach einem weiteren längeren Mittagsschlaf sind wir dann wieder in Richtung Douala aufgebrochen, nicht ohne or-dentliche Mitbringsel vom Dorf für unsere Stadtbe-wohner mitzubekommen.
In diesen zwei Tagen habe ich vor allem wieder die-se Herzlichkeit, Offenheit und Gastfreundschaft der Menschen wahrgenommen. Die Bereitschaft mir alles zu zeigen und meine vielen Fragen zu beantworten. Was aber oft den Austausch oder ein stärkeres Teil-nehmen meinerseits erschwert hatte, war die Sprachbarriere. Natürlich kann jeder Französisch, aber untereinander wird halt konsequent Duala ge-sprochen - Gespräche mit mir finden dann wie in einer Fremdsprache statt oder es muss extra ständig übersetzt werden. Ich bin jetzt langsam ernsthaft am Überlegen auch noch Duala zu lernen, die ersten Wörter kann ich ja schon (z.B. Nassem dschita - Vielen dank). Aber erst mal muss ja mein Franzö-sisch weiter poliert werden, denn das hat es auch noch sehr nötig!
Und nun möchte ich natürlich von meiner Arbeit bei AfricAvenir (AA) berichten. Das ich von ihr als letztes berichte hat nicht damit zu tun, dass ich die anderen Erlebnisse als viel wichtiger betrachte, sondern das ich an meinem Rundbrief wie an einem Tagebuch schreibe, alle paar Tage ein wenig mehr. Der Ar-beitsbericht wird dann am Ende des Monats zusam-mengefasst.
Straße in Duala
Ich habe mich jetzt langsam an die Verantwortung und an die ganzen neuen Aufgaben gewöhnt. Meine neue Einstellung lautet: "Kann ich nicht, gibt es nicht!!!" So versuche ich auch zu handeln. Auch wenn mich noch einige Sachen einfach überfordern oder ich mich mit manchem noch sehr alleine fühle, geht es mir insgesamt mit allem jetzt schon sehr viel besser. Ich habe einfach eine Strategie entwickelt, in der ich mir immer sage, das es doch toll ist so viel Verantwortung, Aufgaben und vor allem Vertrauen der anderen in meine Arbeit zu haben, als davor wegzurennen oder mich ständig unter Anspannung, Stress und Druck zu fühlen. Das klappt natürlich noch nicht immer... Auch die Zusammenarbeit mit Téclaire hat sich verbessert, wobei man hier oft alles mehrmals wiederholen muss bis es dann auch klappt, denn wenn ich mal etwas abgegeben habe, gab es meistens wieder irgendeinen Grund warum es nicht funktioniert hat! Oder ich verabrede mich und sie kommt nicht, weil sie es vergessen hat, weil das Haarflechten doch länger gedauert hat oder die Oma ganz plötzlich krank geworden ist. Meine Geduld ist dann manchmal sehr an der Grenze, aber sich auf-regen hilft dann auch nicht viel weiter, denn auf Pünktlichkeit wird in dieser Kultur einfach nicht so viel Wert gelegt!! Mein Arbeitsalltag hat sich im Grunde nicht viel verändert. Ich arbeite immer noch eng mit den Finanzen in der Garage mit, die im Mo-ment unser großes Sorgenkind hier ist. Eigentlich ist sie so konzipiert, dass sie mit ihren Einnahmen, dis Arbeit von AA unterstützen kann, vielleicht sogar später ganz übernehmen könnte. Das funktioniert im Moment leider noch gar nicht, denn durch fehlendes Management und immer wiederkehrende Korruptio-nen machen das Erwirtschaften von größeren Beiträ-gen wirklich schwierig. Ich fertige also die Tabellen am Computer an und fast täglich werden die Ein-nahmen zusammen mit M. Nyame überprüft und genau festgehalten. Daneben bin ich immer noch am vervielfältigen von Texten, das heißt ich tippe oder scanne jeden Morgen für ein oder zwei Stunden ver-schieden Manuskripte, die dann jetzt bald zu den Verlegern geschickt werden sollen.
Im November war Prof. Kum?a Ndumbe III wieder eine lange Zeit in Europa, hat viele Konferenzen gehalten, eine Fernsehsendung in der Schweiz mit-gestaltet und seine Studenten mit der mündlichen Prüfung an der FU-Berlin in das Berufsleben entlas-sen. Wenn er nicht da ist, bin ich immer für vieles zuständig, das heißt all die kleinen Fragen müssen mitbeantwortet werden oder Leute empfangen, die ihn sehen wollen, diese dann auf später vertrösten usw.. Anfang November habe ich angefangen mein erstes richtiges kleines Programm zu gestalten. Das heißt nicht nur mit Kino, sondern auch mit Theater, Musik und Tanz. Außerdem sollte auch gerade das Kino-Programm etwas mehr gemischt werden. Durch die Erfahrungen mit meinen ersten Film-Vorführungen, habe ich gemerkt, dass die Jugend und auch viele Erwachsene, gar kein richtiges Inte-resse an eigenen afrikanischen Produktionen haben. Sie werden durch die Medien, so sehr mit vor allem amerikanischen, europäischen und sued-ost-asischen Filmen versorgt, dass sie das Interesse für anderes meistens verloren haben. In diesen Filmen muss es vor allem um eines gehen: Action und manchmal auch ein wenig Liebe. Also habe ich nun versucht die Filme ein wenig zu mischen - z.B. "Mat-rix Reloaded" (USA) und "TGV-Express" (Senegal). Für den ersten 1. Dezember ("Welt-Aids-Tag") haben wir uns ein richtig kleines Programm ausgedacht. Das heißt erst Filme mit anschließender Diskussion, dann ein Theaterstück über die Aids/HIV-Problematik und danach einen Poesie-Abend. Das heißt jeder kann seine Gedanken, Gefühle, Ängste, die mit Aids/HIV zu tun haben in Gedichten festhalten und sie so mit anderen teilen. Ich bin gespannt wie das von den unseren Besuchern angenommen und vor allem ob durch selbstgeschriebene Gedichte auch der Abend mitgestaltet wird, aber davon dann ja im nächsten Rundbrief!
Vor seiner Abreise hat mir der Professor ein kleines Budget zur Verfügung gestellt, über das ich für meine aktuelle Arbeit frei verfügen konnte. Ich habe mich daran gemacht mit "Microsoft Publisher" das Pro-gramm zu entwerfen. Das hat natürlich bei mir alles ein wenig länger gedauert, da das für mich mal wie-der ein "erstes" Mal war. Dann musste der Kontakt mit den Tanzgruppen und der Theatergruppe aufge-nommen werden. Das heißt zu ihren Veranstaltun-gen gehen, die Verantwortlichen sprechen, wenn sie dann da sind, Termine vereinbaren, die dann wieder verändert werden müssen, das Geldproblem erör-tern... Was ich mir viel leichter und schneller zu erle-digen vorgestellt hatte, zog sich über eine ganz schön lange Zeit hin und so musste das Programm mehrmals nach hinten verschoben werden. Doch endlich stand dann alles zwischen dem 20. Novem-ber und 20. Dezember fest. Mit der Hilfe eines ehe-maligen Mitarbeiters, der mal wieder eine dieser be-rühmten, privaten "Connections" hatte, konnten wir das Programm mit fast 2.000 Exemplaren sehr güns-tig drucken. Gedruckt sieht es meiner Meinung nach schon richtig "professionell" aus! Dann sind Téclaire und ich durch die Strassen von Bonabéri gezogen und haben die Programme in Internet-Cafés, Tele-boutiquen, Restaurants, Geschäften und an Passan-ten verteilt.
Foto aus dem Ínternet (k-L.)
Einen ganzen Tag hatten wir uns dann vorgenom-men, alle Schulen in Bonabéri zu besuchen und dort unsere Programme zu verteilen, vor allem aber auf-zuhängen. Um das Programm zu verteilen, muss man sich ja immer erst wie in jeder Schule die Er-laubnis des Verantwortlichen holen und sein Pro-gramm und Vorhaben vorstellen. Für mich war das mal wieder ein Eintauchen in eine komplett andere Welt - die Welt des kamerunischen Schüler. In Kame-run gibt es die Schul-Uniform-Pflicht. Also betritt man dann diese teilweise riesigen Lycées oder Colleges und ist dann umgeben von einem Meer aus, weiss-braun, grün-blau oder grau angezogenen Schülern, die natürlich alle sehr neugierig sind, was wir hier denn so machen... Wenn wir uns dann bis zum Di-rektor oder einer anderen Schulpersönlichkeit durch-gefragt hatten, stießen wir dann auf die unterschied-lichsten Reaktionen. In einem Lycée mussten wir gleich unsere ganze Arbeit vor einigen Klassen vor-stellen - beim ersten Mal hatte ich noch wackelige Knie und Herzklopfen, danach fing es mir richtig an Spaß zu machen! In einem anderen versprach uns der Lehrer gleich am nächsten Abend zu kommen, ein anderes wiederum konnten wir gar nicht erst be-treten, weil uns das Schultor gleich wie in einer Fes-tung vor der Nase zugeknallt wurde. Die ganzen Wege haben wir dann wieder auf "meinen" Motors zurückgelegt, weil die Strecken, gerade auch wegen der Hitze nicht zu Fuß nicht zu bewältigen sind. A-propos Hitze, ich dachte, dass ich mir in meiner Zeit in Kamerun schon eine gewisse Bräune zugelegt hätte, aber an diesem Tag habe ich so einen heftigen Sonnenbrand bekommen - autsch!
Das Wetter wird im Moment immer heißer, weil die Regenzeit nun wirklich zu Ende geht. Ich habe hier schon ein, zwei Gewitter erlebt, wo ich glücklich war morgens noch ein Dach über dem Kopf zu haben: So einen gewaltigen Donner mit gleichzeitigen Blitzen und dazu noch dieser sinnflutartige Regen habe ich mir nicht vorstellen können! Es regnet zwar jetzt noch ab und zu, aber die Sonnentage nehmen immer mehr zu. Die Temperaturen liegen immer so um die 30C°, wobei es abends aber gottseidank ein wenig abkühlt und besonders morgens kann ich im Bett fast ein wenig frösteln. Es weht aber immer ein recht kräftiger Wind, da Douala ja am großen Fluss Wouri liegt und vor allem das Meer nicht weit entfernt ist. Dadurch gibt es fast nie diese stehende Hitze, wie in Deutschland einem heißen Hochsommertag. Insge-samt liegt die Luftfeuchtigkeit aber bei über 85%, das heißt bei jeder schweren körperlichen Tätigkeit, bekommt man gleich einen totalen Schweißausbruch. Ich habe jetzt auch verstanden, warum es an jeder Ecke so viele Taschentücherverkäufer gibt. Dachte ich anfangs noch, dass die Kameruner chronisch an Schnupfen leiden, so habe ich jetzt auch an mir selbst herausgefunden, dass sie nicht für die Nase, sondern viel mehr für die "feuchte" Stirn gedacht sind!! Insgesamt genieße ich aber dieses Tropenkli-ma, bemitleide immer alle in Deutschland, wenn ich auf die Weltwetterkarte im Fernsehen schaue...
So, das war der November-Bericht und ich möchte auch diesen Brief wieder mit einem herzlichen Dan-keschön an alle meine Unterstützer abschließen!
Ich wünsche allen eine wunderschöne Adventszeit und Weihnachtsfest, ohne zu viel Stress und Hektik (Ich habe hier von Weihnachten noch gar nichts mit-bekommen!) und wieder die sonnigsten Grüße,
Ihre und Eure Julie - Marthe Lehmann
Rundbrief Nr. 4
Douala / Kamerun Januar 2004
Douala, 10.01.04
Lieber Unterstützungskreis,
aus dem Internet k.L.
zu allererst wünsche ich Ihnen und euch ein wunder-schönes neues Jahr!! Bevor ich nun wieder auf mei-ne persönlichen Erlebnisse in Sachen Kultur, Traditi-on, Alltag, Weinnachten usw. eingehe, möchte ich noch einmal betonen, dass dieser Teil einen so gro-ßen Raum, besonders in diesem Rundbrief ein-nimmt, weil er mir neben meiner Arbeit einfach am wichtigsten erscheint. Ich glaube, dass ich mit mei-nen ganz persönlichen Erfahrungen, den kleinen alltäglichen Gegebenheiten, meine Einblicke in das kulturelle Geschehen, Sie und euch, die mir das ja alles ermöglichen, sehr direkt an meinem Aufenthalt daran teilhaben, und vor allem daran mitprofitieren lassen kann.
Mein Alltag wird von der Arbeit bestimmt, die mich immer sehr ausfüllt, aber im Dezember hat sich nun schon wirklich eine gewisse Routine dort eingeschli-chen. Das heißt, es müssen die täglichen Arbeiten erledigt werden, wie zum Beispiel die Kassenführung der Garage, Koordination und Organisation der In-formationsbörse (Zeitschriftensaal), Computerarbei-ten, Korrespondenz mit Europa, vor allem Deutsch-land und vor allem die Arbeit von AfricAvenir im neu-en Jahr muss vorbereitet werden. Denn meine Zeiten der ?Einsamkeit? bei AfricAvenir sind nun wirklich vorbei. Durch das PARIC-Programm haben wir die Möglichkeit, Kameruner, die in Deutschland studiert haben, bei uns einzustellen. Dieses Programm fi-nanziert deren Arbeit als Eingliederungsmaßnahme in der Heimat bis zu zwei Jahren, plus die Einrichtung des Arbeitsplatzes. Das ist für uns als Stiftung, die immer an Geldmangel leidet, natürlich eine wunder-bare Möglichkeit, qualifizierte Fachkräfte einzustellen, die sogar noch die deutsche Sprache beherrschen, die neben Französisch in unserer Arbeit am wichtigs-ten ist. AfricAvenir befindet sich im Moment also in einer Phase der absoluten Neustrukturierung ? und orientierjung. Vieles wird sich erst in den nächsten Tagen klären, es finden nun ständig weitere Vorstel-lungsgespräche statt und wir sind dabei einen Infor-matiker, einen Ingenieur, einen Elektrotechniker und eine Ernährungswissenschaftlerin einzustellen. Au-ßerdem soll nun endlich auch wieder die große Dru-ckerei von AfricAvenir geöffnet werden. Meine kon-krete Arbeit wird sich nun in diesem neuen Gefüge in den nächsten Tagen herauskristallisieren, aber wie es scheint werde ich in den nächsten Monaten sehr eng mit dem Prinz Kum?a Ndumbe III zusammenar-beiten. Wir arbeiten daran weitere seiner Publikatio-nen zu veröffentlichen und wollen vor allem ein Pro-gramm von AfricAvenir zu verwirklichen, das sich ?Exchange and Dialoge? nennt. Dieses Programm besteht aus zwei Komponenten: zum einen sind es organisierte Bildungsreisen und zum anderen sind es Studienprogramme. In diesen Studienprogrammen soll es Studenten, aber auch Auszubildenden ermög-licht werden bei AA in den verschiedensten Berei-chen mitzuwirken: z. B. als Automechaniker in unse-rer Werkstatt, als Drucker in der Druckerei, natürlich als Politikwissenschaftler, Informatiker, Historiker.... Mit diesem Programm soll ein echter Austausch statt-finden, ein Austausch zwischen verschiedenen Kultu-ren, Arbeitsweisen, etc. Der nächste Rundbrief wird also ganz Zeichen meiner ?Arbeit? stehen, der hiesige dafür eher für meine Erlebnisse und Erfahrungen mit der Kultur in all den verschiedenen Facetten, denn der Dezember ist auch, der für die Küstenvöl-ker Kameruns am wichtigste Monat.
Aber zuerst eine kleine Zusammenfassung meines Kulturprogramms im Dezember. Der 1. Dezember
s. africavenir.org
stand bei AfricAvenir im Namen des ?Welt-Aids-Tages?. Wir hatten ein Programm mit Filmen, Theater und Poesie-Abend gestaltet. Nachmittags zeigten wir also ein Kinoprogramm mit zwei Filmen, die vor allem die Jugendlichen ansprechen sollten. Beide sprachen über die Problematik, das gerade junge Mädchen und Kinder, leicht Opfer von Tätern werden, die durch große Versprechungen, aber vor allem Geld, ihre Opfer verführen. Hier in Kamerun ist Aids ein riesengroßes Problem, welches jeden Tag neu Tote fordert. Es gibt erschreckende Statistiken, besonders unter den neu infizierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Es werden viele Kampagnen gestar-tet und eigentlich ist dieses Thema, zugmindesten in den Großstädten wie Douala und Yaundé, präsent. Aber was von der Bevölkerung nur schwer ange-nommen wird, ist der einzige Schutz, die Verhütung, das Kondom. Zum einen liegt es wirklich an der per-sönlichen Verweigerung, zum anderen aber vor allem auch an der Armut der Menschen. Wer sich gerade jeden Tag nur so über Wasser hält, wird widerwillig Geld für dieses Bedürfnis ausgeben wollen. Am A-bend hatten wir dann eine Theatergruppe eingela-den, die sich mit diesem Thema auseinander setzte. Nach der Vorführung überließen wir dann den ein-zelnen Poeten das Wort und es kamen wirklich einige sehr bewegende Vorträge zusammen. Als Danke-schön wurden alle mit einem ?AfricAvenir?-Buchpaket belohnt. Während der Woche hatten wir ein sehr gemischtes Kinoprogramm mit afrikanischen, aber vor allem auch amerikanischen und europäischen Produktionen. Denn wie wir aus der Vergangenheit gelernt hatten, interessiert sich der große Teil des Publikums nur für diese Produktionen. Da wir nun das Programm so weit aufgemischt hatten, hofften wir mehr Menschen erreichen. Doch was sich bei allen Aktivitäten, so auch bei den Tanzabenden, als sehr schwierig herausgestellt hatte, war die richtige Öffentlichkeitsarbeit. Wir hatten zwar mehr als 2000 Programme verteilt, waren in allen Schulen gewesen und hatte vor AA immer mit großen Plakaten noch einmal auf die aktuellen Veranstaltungen aufmerk-sam gemacht, aber gut besucht waren alle Veranstal-tungen eigentlich nie... Für mich war dieses Pro-gramm eine erste kleine Herausforderung, gerade weil in der Zeit auch der Prinz Kum?a Ndumbe III in Europa war und ich so wirklich alles alleine machen musste. Aber im neuen Jahr ist es eine ganze große Aufgabe von allen, die Bevölkerung von Douala, besonders in Bonabéri für AfricAvenir zu sensibilisie-ren und somit die richtige Öffentlichkeitsarbeit zu finden.
Am ersten Freitag in diesem Monat habe ich hier einen kleinen ?Staatsstreich? geführt und bin meiner AA-Familie unwissender Weise in den Rücken gefal-len, habe alle fast in Angst und Schrecken versetzt! An diesem besagten Freitag hatten wir abends eine Tanzgruppe eingeladen und alles ist etwas schief gelaufen. Erst einmal kam die Gruppe viel zu spät und dann fehlte, das wichtigste Band-Mitglied ? der Gitarrist. Er hatte es sich ein paar Stunden vor der Vorführung doch anders überlegt und konnte nur nach längeren Überredungskünsten von seinen Kol-legen und M. Nyame zum Spielen überredet werden. Dann war es aber schon zwei Stunden nach dem angekündigten Termin und dem entsprechend, wa-ren kaum noch Zuschauer da..... Manchmal läuft halt alles anders als man es plant! Ich war also ein wenig frustriert und bin ich ganz spontan mit zwei jungen Männern, die öfters bei AA sind und mit denen ich schon einmal etwas unternommen hatte, etwas trin-ken gegangen. Meine ewige Begleitung Teclaire war zu müde ? also bin ich das erste Mal alleine los und habe mir nichts Böses dabei gedacht.
Nr. 1
Geschrieben kurz vor der Abreise, Ende August 2003
Am 10. September, morgens um 7 Uhr hebt mein Flugzeug ab gen Kamerun. Bevor es los geht und bevor mich das große Reisefieber packt, will ich hier einige Grundinformationen, wohin nun die Reise geht. Meine Kontakte nach Kamerun sind inzwischen immer intensiver. Schon heute habe ich einige Menschen in Kamerun, die mich eingeladen haben.
1. Etwas über meinem künftigen Arbeitsplatz:
AfricAvenir
Eine Stiftung für Entwicklung, Internationale Koopera-tion und Frieden
Die Stiftung AfricAvenir wurde 1990 von Professor Prinz Kum?a Ndumbe gegründet. Sie befindet sich in Douala, der Wirtschaftsmetropole Kameruns. Im Zentrum der Arbeit von AfricAvenir steht im weitesten Sinne die Entwicklungsfrage. Die Mitglieder der Stif-tung sehen ihre Hauptaufgabe darin durch Bildungs- und Aufklärungsarbeit, einen Beitrag im Aufbau einer-sozial gerechteren demokratischen und nachhaltigen Gesellschaft in Kamerun und Zentralafrika. Professor Prinz Kum?a Ndumbe ist außerdem sehr aktiv in der Forschung zum Thema Frieden, Konfliktlösung und Gewaltprävention.
Ziel der Stiftung ist es vor allem, die Debatte über, Entwicklungspotentiale Entwicklungsziele, Entwick-lungsziele, etc. vor Ort in Kamerun zu führen. Die Erfahrungen der Gründungsmitglieder haben oft ge-zeigt, dass Auseinandersetzung mit Afrikas Entwick-lung außerhalb von Afrika in europäischen und ameri-kanischen Institutionen und Universitäten ablief und die meisten Ergebnisse ? in Form von Büchern, Fil-men, Artikeln, Berichten etc. ? in Afrika kaum zugäng-lich waren. Die Aktivitäten der Stiftung bauen also alle darauf einen öffentlichen Raum für Debatten und Kre-ativität in der Bevölkerung zu schaffen. Diese Aktivitä-ten umfassen vor allem ein monatliches Programm: Konferenzen, Dialogforen, afrikanische Palaver, Run-de Tische und Filmvorführungen mit anschließenden Diskussionsrunden, Konzerte, Tanz- und Theater-abende, Lesungen oder Künstlerausstellungen.
Gleichzeitig bietet die Stiftung zivilgesellschaftliche Gruppen verschiedene Versammlungs- und Probe-räume. So nutzen seit der Gründung der Stiftung die unterschiedlichsten Gruppen die Räume des ca. 2000m großen Gebäudes: Zum Beispiel verschiedene Frauengruppen, Jugendgruppen, Forschungsgruppen, der Germanistenverein, eine Gruppe Alter Weisen, Aids-Präventionsgruppe, Theatergruppen, traditionelle Tanzgruppen, Praxis für Traditionelle Medizin und Pharmazie, etc. Wegen ihrer Lage in unmittelbarer Umgebung von zehn Schulen und Gymnasien (insge-samt ca. 1400 Schüler) sind Jugendliche die Haupt-zielgruppe. Ihre Mitwirkung in den verschiedenen Ab-teilungen und Beriechen der Stiftung wird systema-tisch integriert.
Das wissenschaftliche Fundament für all diese kultu-rellen Aktivitäten kommt aus der Abteilung für For-schung und Ausbildung. Aus dieser Abteilung sind einige Projekte hervorgegangen, darunter zum Bei-spiel der Aufbau einer Afrika-zentrierten Informations-börse, denn der Zugang zu Wissen und Informationen ist in Afrika ein Luxus den sich nicht viele Menschen leisten können. Diese Situation sieht noch schlimmer aus wenn man Zugang zu lokal und regional relevan-ten Wissen sucht. Daher hat AfricAvenir das Ziel auf den verschiedensten Ebenen und mit Hilfe der ver-schiedensten Mittel lokal und regional relevantes Wis-sen, zu sammeln und zu strukturieren. Diese Informa-tionen sollen dann der Bevölkerung leichter zugäng-lich angeboten werden. Dazu gehören die Bibliothek, der Zeitschriftensaal, die Videothek und die Internet-seite.
Trotz des lokalen und regionalen Bezugs der Organi-sation ist der Austausch und interkulturelles Lernen ein zentrales Thema in der Arbeit von AfricAvenir. Seit 1990 haben ca. 30 Studenten aus ein 3-6monatiges Praktikum in der Stiftung absolviert. Gleichzeitig konn-te Mitarbeiter von AfricAvenir immer wieder an Fortbil-dungsseminaren in Europa teilnehmen.
Meine Mitarbeit bei AfricAvenir lässt sich noch nicht genau festlegen. Voraussichtlich werde mich um den Zeitschriftensaal und die Bibliothek kümmern, bei meiner Liebe zu Büchern ist das bestimmt eine Arbeit die mir gefallen wird! Daneben werde ich dann zu erst Routinearbeiten am Computer erledigen. Wenn sich mein Französisch dann verbessert hat und ich mich an die bestimmt anderen Lebensverhältnisse, an das Klima und einfach an meine neue Umgebung gewöhnt habe, können dann wahrscheinlich auch selbstständi-gere Aufgaben hinzukommen. Ich werde bei AfricAve-nir die erste Praktikantin sein, die noch vor ihrem Stu-dium in der Stiftung mitarbeitet. Gewöhnlich kommen Studenten erst nach Vollendung ihres Grundstudiums zur Absolvierung eines Praktikums nach Douala und haben so natürlich ganz andere Vorraussetzungen als ich sie haben werde. Doch das ist auch ein Grund warum ich mich für einen Freiwilligendienst entschie-den habe: Ich möchte mich auf etwas vollkommen Neues, mir Unbekannten einlassen, ohne feste Erwar-tungen und vor allem von den Menschen, der neuen Kultur und den neuen Situationen lernen. In den mo-natlichen Rundbriefen werdet ihr dann erfahren kön-nen, wie sich mein Leben in Afrika gestaltet, wie mein Alltag aussieht und welche Erfahrungen ich mache.
2. Wohin die Reise geht: Kamerun
?Afrika in Miniatur - Kamerun vereint viele verschiedene Völker und deren Kulturen. Ob auf der Piste oder Schiene, per Buschtaxi oder im bunten Markttreiben: Die faszinierende Welt der des afrikanischen Kontinents ist in allen Facetten in diesem Land zu entdecken.? So fängt mein neuer kamerunischer Reiseführer an, eine Beschreibung die ich nun schon aus vielen verschiedenen afrikanischen und europäischen Mündern gehört habe.
Kamerun liegt im äußersten Westen Zentral-Afrikas und grenzt an den Golf von Guinea. Die Nachbarstaaten sind Nigeria, Tschad, Zentralafrikanische Republik, Kongo, Gabun und Äquatorial Guinea. Durch seine Nord-Süd-Ausdehnung durchschneidet Kamerun die verschiedensten Vegetations- und Klimazonen, vom regenreichen Küs-tentiefland mit riesigen Urwäldern über die zentrale Hochebene bis hin zu den halbwüstenartigen Trockenzonen des Nordens. Auch das ist ein Grund für die Bezeichnung ?Miniaturafrika?, da sich in Kamerun fast alle unterschiedlichen Landschaftsbilder und Lebensräume vereinen. Kamerun lässt sich also in vier Hauptzonen gliedern: die Küstenregion, das südliche Hochland, das Graßland im Westen, das Hochland von Adamaoua und der Norden.
Die 350 km lange Atlantikküste im Südwesten wird gesäumt riesigen Mangrovensümpfen, schwarzen Lavasträn-den, Felsenküste und herrlich weißen Palmenstränden. Unmittelbar hinter der Küste beginnt der Regenwald mit bis zu 50m hohen Baumriesen. Die flache Küstenregion wird durchbrochen durch das 4095m hohe Massiv des Mount Cameroon, der sich in der Höhe der Stadt Limbe fast unmittelbar an der Küste erhebt. Charakteristisch für die Küstenebene ist das feucht-heiße Klima mit extrem hohen Niederschlägen und entsprechend üppiger, immergrü-ner Vegetation. Douala, die Stadt, in der sich meine Arbeitsstelle befindet, liegt genau in dieser Klimazone, rund 5okm entfernt von der Küstenstadt Limbe. Das südliche Hochland hat eine durchschnittliche Meereshöhe von 600m und war ursprünglich bedeckt von dichtem Regenwald, der teilweise für Pflanzungen gerodet wurde. Auf diesen werden z.B. Kakao, Kaffee, Zuckerrohr und Tabak angebaut. Den verkehrstechnischen und wirtschaftlichen Zentralpunkt bildet die Landeshauptstadt Yaounde, nach der Einwohnerzahl die zweitgrößte nach Douala. Nach Norden hin nimmt die tropische Vegetation dann merklich ab, der Regenwald weicht dem Grasland. Auf Grund des vulkanischen Bodens gedeihen Gemüse und Früchte (?Gemüsegarten Kameruns?) reichlich, aber auch Kaffee, Tabak und Reis. Auf Grund dieser idealen Bedingungen ist diese Gegend die am dichtesten besiedelte des Landes. Das Hochland von Adamaoua ist wenig besiedelt und durch seinen felsigen Boden wenig Landwirtschaft. Die Menschen betreiben hier noch die traditionelle Viehzucht, das heißt nur zur Selbstversorgung. JE weiter man nun in den Norden vordringt desto trockener wird es. Die landwirtschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung ist im Norden schwierig aufgrund verkehrstechnischer Probleme, wegen der Vielfalt und Verstreutheit der Völker und aufgrund der Entfernung zum Zentrum und Süden.
Genauso vielfältig wie die geographischen Gegebenheiten Kameruns ist auch die Bevölkerung. In Kamerun gibt es mehr als 200 verschiedene Sprachen und dem nach mindestens ebenso viele Volksgruppen. Um nur einige Na-men zu nennen gibt es im Süden die Völker der Douala, Bakoko, Bassa und Ewondo. Im Norden leben unter ande-rem die Fulbe, die Haussa und Kapsiki. Jede dieser 200 verschiedenen Volksgruppen ist geprägt durch eine unter-schiedliche Kultur, Religion und Tradition. Doch durch die mehr oder weniger weit zurückliegende Verflechtung untereinander, können die einzelnen Gruppen nicht streng voneinander betrachtet werden, sondern ihre Lebens-gemeinschaften sind voller Übergänge. Die heutige Verteilung der Völker Kameruns ist das Ergebnis der Völker-wanderungen der letzten Jahrhunderte. Die verschiedenen Ethnien werden jedoch immer grenzüberschreitend betrachtet werden müssen, da die heutigen Staatsgrenzen Kameruns von den ehemaligen Kolonialmächten voll-kommen willkürlich gezogen wurden, ohne die jeweiligen Stammesgebiete zu berücksichtigen.
Die erste Amtssprache Kameruns ist Französisch, die zweite Englisch, denn noch heute lässt sich Kamerun nach dem Einfluss der ehemaligen Kolonialmächte in ein kleineres frankophones und großes anglophones Gebiet auftei-len. Douala z.B. ist frankophon, obwohl sich in den Hauptstädten natürlich alle verschiedenen Volksstämme und so auch die Sprachen mischen.
Statistisch gesehen sind in Kamerun etwa ein Drittle der Bevölkerung Christen, Moslems oder Animisten (Anhän-ger von Naturreligionen und Ahnenkulten). Ein ausgeprägtes Traditionsbewusstsein bildet die Basis des religiösen Denkens und so haben sich die verschiedenen Religionen nicht vollständig voneinander getrennt, sondern greifen oft ineinander. Geographisch könnte man Kamerun sehr oberflächlich einteilen in den islamischen Norden und den christlichen Süden. Der Animismus hingegen ist im ganzen Land präsent.
In Kamerun ist das gemeinsame Leben sehr stark vom Zusammenhalt der Familie geprägt. Es gibt neben den monogamen Ehen auch eine sehr stark verbreitete Polygamie. Der Europäer stellt sich einen polygamen Haushalt mit mehreren Frauen unter einem Dach meist voller Eifersüchteleien und Intrigen vor. Meistens ist jedoch das Gegenteil der Fall. Die Frauen verstehen sich untereinander oft sehr gut, oft hilft die erste Frau beim aussuchen der zweiten, die Frauen beraten sich untereinander wenn es Probleme gibt oder es dem Mann schlecht geht: Sie kümmern sich gemeinsam um ihre Kinder. Die Frau- oder in diesem Fall die Frauen ? haben eine große Ver-antwortung für die Familie. Der Mann, auch wenn es nach außen hin anders aussehen kann, hat kaum das je zuerst das Sagen. Dieses doch oft sehr harmonische Zusammenleben ist begründet auf einer traditionellen Art der Konfliktlösung: Das Palavern. Wenn es Konflikte oder Probleme in der Gemeinschaft gibt, so werden diese in gemeinsamen Diskussionsrunden bewegt und ausdiskutiert. Dabei geht es nicht darum das Gegenüber von seiner eigenen Meinung zu überzeugen, sondern sich zu allererst gegenseitig zu zuhören, Kritik zu äußern und auch genauso Kritik anzunehmen. Dabei kann jeder solange Reden wie er es für nötig hält. Ziel eines jeden Palavers ist es Entscheidungen eigentlich immer im Konsens zu fällen, auch wenn dieses erst nach langen Stunden der Fall sein kann. Konflikte werden so viel offener ausgetragen, als es in Europa der Fall sein kann. Probleme werden also nicht unter den Teppich gekehrt, wo sie dann ungelöst weiter existieren - und so noch viel mehr Schaden für die Gemeinschaft, die Familie anrichten könnten.
Dieser 1. offizielle Brief soll ja nicht nur an meine "finanziellen" Unterstützer gehen, sondern auch an meinen "see-lischen" Unterstützungskreis gehen, nicht? Viel Spaß beim Lesen,
Eure Julie
Bilder ergänzt von K.L.
Nr. 2
Douala, den 29.10.2003
Lieber Unterstützungskreis,
es ist nun wirklich Zeit einen zweiten Rundbrief loszu-schicken! Denn Sie und Ihr seid bestimmt alle sehr gespannt endlich etwas von mir zu hören. Seid gut sechs Wochen bin ich nun schon in Douala und immer noch ist jeder ein Tag wie ein kleines Abenteuer, es gibt immer neues zu entdecken, so viel zu lernen und zu erleben.
Ich arbeite mich nun langsam bei meiner Stiftung Afri-cAvenir ein, was aber als nicht immer so einfach ges-taltet. Im Gegensatz zu normalen Arbeitsbedingungen gibt es hier im Moment kaum Mitarbeiter, weil einige in den letzten Monaten gegangen sind. Das heißt ich bin hier im Moment schon mit die einzige Organisatorin und bekomme nur Hilfe von Teclaire und M. Nyame. Teclaire ist genau so alt wie ich, hat auch gerade ihren Schulabschluss gemacht und ist eigentlich nur für die Informationsbörse, also den Zeitschriftensaal zustän-dig. M. Nyame ist ?unser Mädchen? für alles, Chauf-feur, Manager der zu AA gehörenden Werkstatt und steht mir in vielen Dingen zur Seite. Nun soll aber hier aber bald wieder ein richtiges Programm stattfinden, das heißt viele verschiedene kulturelle, informative Veranstaltungen, wie z. B. Theater, Tanz, Musikgrup-pen, Podiumsdiskussionen, Buchvorstellungen, etc.Alles sehr interessant und spannend, aber für mich gestaltet sich das im Moment als eine kleine Heraus-forderung. Ich finde es schon eine ganz tolle Leistung so ein Programm in Deutschland zu gestalten, aber hier gestaltet sich es sich doch alles oft ein wenig schwieriger. Zum einen liegt das an der Sprache, mein Französisch ist natürlich schon viel besser geworden, aber es behindert mich teilweise immer noch, dann ist die Mentalität eine ganz andere, Geldmangel bei AA, die richtige Öffentlichkeitsarbeit, etc. ...
Und natürlich steht mir M. Professor Prinz Kum?a Ndumbe III, der Gründer und leiser von AfricAvenir mit Rat und Tat zur Seite. Doch er ist oft sehr viel unter-wegs, pendelt zwischen den zwei Kontinenten, von einer Konferenz in Wien, zu einem Seminar in Zürich und dann z.B. zu Prüfungen an die TU-Berlin. Doch wenn er da ist gestaltet sich alles sehr viel leichter. Er ist für mich wie eine kulturelle Brücke, in unseren zahl-reichen Gesprächen eröffnen sich mir immer neue Horizonte, er kann mir die Missverständnisse erklären, meine zahlreichen Fragen beantworten und sich ein-fach oft mit mir über meine kleinen alltäglichen Entde-ckungen freuen. M. Prinz Kum?a Ndumbe III gehört zu der Familie der Beule Bele. Diese Familie hat immer zwei Koenigstühle für das ganze Gebiet der Douala besetzt. Einer seiner berühmtesten Vorfahren ist der Koenig Rudolf Manga Bell, der sich in einem Aufstand den Gesetzen der damals deutschen Kolonialmacht wiedersetzte und daraufhin hingerichtet wurde. Heute werden die die traditionellen Könige von der Regierung ernannt. Der Regierung ist natürlich bewusst, über welchen enormen Einfluss und Macht diese Könige verfügen und sie versucht deshalb nur ihnen hörige, leicht beeinflussbare Personen einzusetzen. Der Streit um den Königsstuhl der Bele Bele hat insgesamt fast 10 Jahre gedauert.
M. Prinz Kum?a Ndumbe III lässt sich nicht manipulie-ren, er toleriert keine Korruption, erhat sich immer den falschen Geschäften der Regierung widersetzt und vor allem öffentlich seine Meinung gesagt. Anfang der 90iger Jahre wurde dann die Situation in Kamerun zu riskant und er ist dann für längere Zeit nach Europa ausgewandert, um dort an der TU-Berlin zu lehren. Die Arbeit von AfricAvenir hat aber nie aufgehört, er hat in Berlin mit seinen Studenten ein ?AfricAvenir Internatio-nal? aufgebaut, das bis heute in engen Kontakt mit uns arbeitet. In diesem Sommer wurde dann nach all den Jahren ein Koenig von der Regierung ernannt. Ein Koenig der von dem größten Teil der Bevölkerung nicht akzeptiert wird und eigentlich nur als Marionette der Regierung dient. Die Spannungen in der Bevölke-rung kann sogar ich manchmal spüren... Ich erzähle das alles, weil ich durch meine Rundbriefe nicht nur über meine Arbeit berichten möchte, sondern auch meinen Einblick in diese Kultur mit Ihnen und Euch teilen will. Und dazu gehören nicht nur die Arbeit, son-dern vor allem auch Berichte und meine Erlebnisse über die z. B. traditionellen und kulturellen Strukturen.
Das richtige volle Programm planen wir also jetzt für Januar.
Das heißt der gesamte Dezember und auch schon im November sind wir dabei dieses Programm vorzuberei-ten. AfricAvenir wird nämlich genau 10 Jahre alt und so wollen wir eine Jubiläums-Ausstellung organisieren, die dann auch in andere Institutionen weiterwandern kann. Zum Beispiel zu den Unis in Douala und Yaundé. Das heißt es müssen Referenten eingeladen werden, die Ausstellung muss gestaltet werden, Öffentlichkeitsar-beit, Programme erstellen, etc.. Es gibt viel zu tun. Und ich bemerke halt immer wieder dass die Arbeit hier viel mehr Zeit in Anspruch nimmt. Allein der weite Gang zum Internet-Café, bis man A4 auf A3 kopiert und dann noch die richtigen Fotopappen ? das sind nur ein paar Beispiele, die verdeutlichen, dass hier manchmal alles viel länger und Kraft raubender sein kann. Es gibt ein berühmtes Zitat eines Berliner Studenten: ? Was in Deutschland einen Tag braucht, schafft man in Kame-run nur in drei Tagen, aber was man an einem Tag in Kamerun erlebt, füllt in Deutschland bestimmt eine Woche aus.?
Ein normaler Arbeitstag gibt es AA eigentlich nicht. Ich bin meistens so gegen 8:00 Uhr in meinem Büro-. Be-spreche mit Teclaire den Tag und beginne dann meine verschiedenen Projekte. Zum Beispiel das Kino-Programm für diesen Monat auszuarbeiten, Theater- und Tanzgruppen einplanen, Formulare für die zu AA gehörende Werkstatt anzufertigen und die dann zu-sammen mit M. Nyame zu verwalten, Briefe verschi-cken, Kinoabende vorbereiten, die Informationsbörse weiter zu strukturieren und organisieren, die Öffentlich-keitsarbeit weiter vorzubereiten und im Moment bin ich gerade dabei ein Theater-Manuskript von Professor Prinz Kum?a Ndumbe III zu scannen. Er hat es zu einer Zeit geschrieben als noch nicht unseren guten Helfer den Computer gab, sondern nur die Schreibmaschine. Mein Scanner mag diese Schrift aber nicht so gerne und so gestaltet sich es als eine Heidenarbeit, aber auch als großes Vergnügen, sich mit diesem Theater-stück so genau zu beschäftigen. Es wurde nämlich nur in Französisch veröffentlich und nun soll nach Jahren auch die deutsche Veröffentlichung folgen. Gegen Mittag gehe ich dann essen.
Die kamerunische Küche in Douala ist super-lecker! Man muss das so genau unterscheiden, weil jede Re-gion Kameruns eigentlich andere Spezialitäten hat. Hier gibt es jedenfalls immer gaaaanz viel Fisch, nur ganz selten Fleisch, fast keine Milchprodukte und im-mer sehr viel Gemüse und Obst. Besonders der Mani-ok (!) hat es mir angetan. Man bereitet ihn sehr unter-schiedlich zu. Meine liebste Weise ist der Miondo. Da-für wird der Maniok ganz fein gerieben, mit Wasser vermischt und in Palmenblatter gewickelt. Diese wer-den mit Bambusfasern umwickelt und im Wasser ge-kocht. Es entstehen so sehr feste fermentierte ?Schlangen?, die vom Geschmack her hervorragend zum Fisch passen. Die Zubereitungsdauer beträgt dafür mindestens 4 Tage,
das ist ein gutes Beispiel für die kamerunische Küche, die alles andere als eine Fast-Food Kultur ist. (Für meinen Onkel Konrad: Insgesamt ist die Ernahehrung sehr fettig, aber es wird nur mit pflanzlichen Fetten gekocht, z.B. Palmöl, Erdnussöl, Soyaöl und ähnli-ches.) Und das Obst, wie zum Beispiel Ananas, Bana-nen, Papaya, Avocado, Zuckerrohr ist wirklich ein rei-ner Genuss. Besonders die Ananas explodiert förmlich im Mund!!!
Nach dem Essen mache ich immer so ungefähr eine Stunde Pause. Dann geht es wieder weiter.... Gegen 18-19 Uhr ist dann meistens Feierabend, wenn es nicht eine Abendveranstaltung oder Besprechungen gibt, dann kann sich alles natürlich bis spät in die Nacht ziehen.
Neben diesen normalen Arbeitsaktivitäten entdecke ich im Moment immer mehr den kamerunischen Alltag. Zum Beispiel das Taxi-Fahren! Beim ersten Mal war ich noch furchtbar nervös, jetzt bin ich schon ein alter Hase. Zum Taxi-Fahren stellt man sich an die Strasse und wartet bis eines der unzähligen Taxis vorbei-kommt, dann entscheidet man sich ob man es mit die-sem wagen möchte (es gibt nämlich welche, wo ich lieber nicht einsteigen würde), schreit dem Fahrer sei-nen Bestimmungsort und die Summe für das Wechsel-geld zu. Und auf geht es... In ein Taxi passen in Kame-run bis zu acht Leute, das heißt zwei auf den Vorder-sitz, vier auf die Rückbank und einer in den Koffer-raum. Kinder nicht mitgerechnet. Bis in die Stadt dauert es ungefähr eine gute halbe Stunde, wenn es nicht zu viel Stau auf der Brücke gibt, die Bonaberi mit der Stadt verbindet. Diese Brücke über den Wouri Fluss ist sozusagen der Knotenpunkt der Stadt, da über sie der ganze Westen Kameruns mit Douala verbunden wird. Einmal muss ich immer umsteigen, in dem ganzen Gewusel, das richtige Taxi finden und schon bin ich in der Innenstadt. Eigentlich kann man nur das Internet in der Stadt benutzen, da die Cafés hier in Bonaberi fast immer super langsam sind und dann immer in dem Moment abstürzen, wenn man gerade seine fertige E-Mail abschicken möchte.
Außerdem habe ich eine andere Leidenschaft ent-deckt: Das Mopedfahren. Es ist sogar noch billiger als das Taxi, viel lustiger und praktisch für kleine Strecken, wenn man es eilig hat. Man sitzt also auf dem ?Moto?, klammert sich so fest wie möglich und brettert dann, manchmal mit einem ganz schönen Tempo, oft im Sla-lom um die Schlaglöcher.... Jedenfalls wird aus der Mimose Julie, die im deutschen Straßenverkehr selbst für Blätter bremst, eine richtige Abgebrühte. Das muss man aber hier auch werden, weil es sonst an die Ner-ven und Substanz geht!
Seit einer Woche bin ich nun auch Mitglied des Kir-chenchores der evangelischen Kirche in Bonaberi. Dort wird ausschließlich Douala gesungen und geredet, was gerade bei einer sehr ausführlichen Predigt schon sehr langatmig werden kann. Aber das Singen macht echt Spaß und wenn es wieder keinen Text gibt ( Die Kame-runer können alles auswendig, das heißt immer einen ganzen Chor-Satz!!), singe ich trotzdem immer lauthals die Melodie in ?meinem? Douala mit. Verstehen tue ich natürlich überhaupt nichts, aber dass Lesen ist nicht so schwierig, weil es den deutschen Lauten ein wenig ähnelt. Für mich ist es wohl zum Beispiel auch einfa-cher als für einen Franzosen. Wenn ich mein Franzö-sisch ein wenig mehr im Griff habe, möchte ich auf jeden Fall auch ein wenig Douala lernen! Wir proben zwei Mal die Woche und zusätzlich gibt es dann immer noch die diversen Veranstaltungen. Zu dem wöchentlichen Gottesdienst, kommen noch Beerdigungen, Konzerte, Hochzeiten, etc.. Letzte Wo-che war ich schon das erste Mal auf so einer Beerdi-gung, welche wirklich sehr bewegend und berührend für mich war. Denn ich war nicht nur ein Besucher, ein Tourist, der sich mal unbedingt so ein Spektakel an-schauen muss, sondern ich war ein Mitglied des Cho-res, das heißt wirklich ein Teil dieser Veranstaltung. Bei Beerdigungen trägt der Chor dann immer eine wei-ße Kaba (langes Kleid mit weiten Ärmeln ein weißes Tuch.
Morgen treffe ich mich dann privat mit dem Chorleiter, weil er unbedingt meine Klarinette integrieren möchte!!! afrikanischen Chören gibt es immer einen Solo-Sänger, dem der Chor antwortet. So ähnlich wie beim ?Koenig der Löwen?... Diesen Part soll ich nun mit meiner Klarinette übernehmen ? ich bin mal gespannt, wie das klappt!
In der letzten Zeit mache ich jetzt ab und zu kleinere Ausflüge um das Land weiterhin zu entdecken, wie zum Beispiel nach Yaundé. Nach Yaundé bin ich mit Monsieur Prinz Kum?a Ndumbe III gefahren. Für ihn war es ein Geschäftsreise ? für mich eine kleine Sight-seeing-Tour. Nach Yaundé fährt man fast nur 3 Stun-den, aber man ist gleich schon in einer ganz anderen Landschaft und Klimazone. Douala liegt ja am Fluss Wouri, in einem ehemaligen Sumpfgebiet. Yaundé dagegen liegt auf richtigen Hügeln, fast Bergen und es ergeben sich immer wieder herrliche Ausblicke. Die Erde ist in Yaundé tief rot, was einen wunderschönen Kontrast mit der üppigen grünen Vegetation bildet. Das Klima ist in Yaundé viel angenehmer, im Vergleich mit Douala fast europäisch. Die Luft ist weniger schwül, es weht ein noch kräftigerer Wind und nachts wird es so-gar mal richtig angenehm kalt! Für mich war es mal eine Wohltat morgens im Bett ein wenig zu frösteln!!! Diese zwei Tage waren für mich wieder total span-nend. Ich bin das erste Mal ganz alleine in Yaundé unterwegs gewesen, das heißt ich wurde im Stadtzent-rum absetzt und 2-3 Stunden später wieder abgeholt. Ich hatte mich für diesen Tag extra ein wenig ?stadt-fein? gemacht, für europäische Verhältnisse absolut sittlich und fast brav..., aber nicht so für Yaundé! Nachdem ich zwei Stunden mehrere Heiratsanträge, unzählige Komplimente und ständige orale Bestätigun-gen meiner Hautfarbe bekommen hatte, floh ich in die Notre Dame Kathredale um mich dort wider ein wenig zu regenerieren. Als ich später meine Erlebnisse M. Kum?a Ndumbe III und M. Nyame erzählte, haben die sich nur köstlich amüsiert. Am nächsten Tag habe ich mir dann lieber eine hochgeknöpfte Bluse angezogen.
Yaundé habe ich als wunderschöne Stadt der krassen Gegensätze wahrgenommen. Das bombastische Hotel Hilton, riesige Banken und Botschaften, der überdi-mensionale Präsidentenpalast auf einem der Hügel mit Blick auf die ganze Stadt liegen unmittelbar neben den kleinen Märkten, auf denen jeder noch versucht aus allerlei Ramsch ein wenig Geld zu verdienen, neben der kleinen Hütte, in der die ganze Familie wohnt und dem verkrüppelten Bettler. Kamerun ist kein Land in dem die Menschen hungern, denn die Vegetation ist so üppig und fruchtbar, jedenfalls im größten Teil des Landes, dass eigentlich jeder Mensch zu essen hat. Aber es gibt diesen riesigen Kontrast zwischen dem absoluten Reichtum und der totalen Armut. Und ich wandele dann zwischen den Extremen, einerseits habe ich als Schülerin für europäische Verhältnisse nicht viel Geld, habe noch nie ein Hotel Hilton von innen gese-hen und doch bin ich den Augen der meisten natürlich die Weiße, die im Geld schwimmt und in keine anderes als so ein Luxusmilieu gehört. Es fällt mir noch immer schwer meinen Platz in diesen Denkmustern zu finden, da ich mir natürlich bewusst bin, viel mehr zu haben als viele anderen, aber gleichzeitig es dadurch diese festen Bilder manchmal ziemlich schwierig ist mit den Menschen in einen echten Kontakt, einen Austausch zu kommen, der nicht immer auf das eine hinausläuft. Das eine ist oft die Frage nach der Telefonnummer, man soll gleich den Eltern vorgestellt werden, unzähli-ge Komplimente über meine ?Schönheit? und dann laufen viele Gespräche daraufhinaus, wie ich sie doch an die Uni nach Deutschland bringen könnte. Oder es wird mir zum Beispiel immer wieder hintergerufen, warum ich als weiße Frau denn nun zu Fuß laufe... Das sind natürlich oft nur diese oberflächlichen Begeg-nungen, von denen die Beziehung mit meiner AA-Familie ausgeschlossen ist!!! Und immer wieder erlebe ich diese Offenheit, Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Menschen. Mein Mitfahrer im Taxi, der mir auf meiner ersten Fahrt in die Stadt sehr viel weiter geholfen hat, meine Nachbarin im Chor, die mir immer alles geduldig ins Französische übersetzt, und, und ,und.... Und gleichzeitig versuche ich mir auch natürlich klar zu machen vorher diese festgefahrenen Bilder kommen. Ein Grund ist ganz klar das Medium Fernsehen und es gibt wirklich in fast jeder Familie ein TV-gerast. Bestimmt 90% der Filme kommen aus Eu-ropa oder Amerika. Es wird den Menschen immer wie-der diese heile blitz-saubere Welt vorgespielt, in der scheinbar gar keine Probleme geben. Und damit brin-gen sie natürlich jeden europäisch ausgehenden Men-schen damit in Verbindung.
Dieses eine Beispiel muss man aber genau so umdre-hen, denn welche Bilder bekommen wir überhaupt von Afrika? Wenn Afrika überhaupt in unseren Medien eine Rolle spielt, dann bestimmt fast immer in Verbin-dung mit Konflikten, Hunger, Naturkatastrophen und AIDS. Unser Lieblingssatz hier ist der Kommentar ei-nes Bekannten zur Reise nach Afrika: ?Was soll ich denn in Afrika, das Elend muss ich mir doch nicht noch anschauen!!!? Ich glaube, dieser Satz bedarf keiner Erläuterung...
Und darum verstehe ich unter meinem Aufenthalt: Ei-nen echten Austausch zu erleben, ein Eintauchen in eine mir noch vor kurzem so fremden Kultur, die mir aber ganz langsam immer vertrauter und verständli-cher wird. Das ist natürlich ein sehr langsamer Pro-zess, der mir aber durch die Offenheit und Freundlich-keit der Menschen sehr erleichtert wird. Ich habe auch das Gefühl hier immer mehr anzukommen, dieses pul-sierende Leben unter der heißen, schwülen Sonne einatmen zu können und verspüre auch viel mehr E-nergie und Kraft, als ich es oft in Deutschland hatte. Es gibt hier einfach nicht so viel Schwere, diesen Druck immer etwas erreichen zu müssen, nicht so viel Stress... Dieses ?wenn ich das jetzt nicht schaffe, dann..... dann macht man es halt in Douala am nächs-ten Tag!?
Ich bin sicher, dass man erst in einem Land leben, die Mentalität, Traditionen und kulturellen Strukturen ken-nen lernen muss, bevor man mit eigenen Ideen Dinge verändern, verbessern kann. Das ist aber nicht die Arbeit der sogenannten Entwicklungsorganisationen. Diese entwickeln nämlich ihre Konzepte in ihren Hei-matländern, um sie dann in zum Beispiel in Kamerun zu verwirklichen. Eine wirkliche Zusammenarbeit und gleichberechtigter Austausch zwischen den Afrikanern und z.B. Europäern findet nur sehr selten statt. Und darin sehe ich einen großen Fehler und einen so drin-genden Nachholbedarf. Denn wenn das nicht stattfin-det, wir es nie ein Gleichgewicht in der Kommunikation in dem so wichtigen Nord-Süd-Dialog geben können. Meinen Aufenthalt möchte ich als einen ersten kleinen persönlichen Schritt in diese Richtung verstehen. Denn durch meine Rundbriefe, kann ich Ihnen und Euch, ein Land und vor allem auch die Arbeit meines Projektes näher bringen - einen Austausch kreieren - von dem man in unseren Medien kaum etwas hören würden.
Nun neigen sich meine vier Seiten schon dem Ende zu. Bei manchem bin sehr ins Detail gegangen, ande-res habe ich nicht mehr geschafft zu berichten.... Aber ich hoffe, dass Sie und Ihr einen ersten kleinen Einblick in meine Arbeit und mein Leben in Kamerun, Douala bekommen konntet. Und an dieser Stelle möchte ich mich auch im Namen von AfricAvenir noch einmal sehr, sehr herzlich für die Unterstützung bedanken!!
Viele herzliche Güsse, Ihre und Eure Julie?Marthe Lehmann
NR. 3
Douala, 28.11.2003
Lieber Unterstützungskreis,
nun ist es wieder so weit - der Monat November neigt sich dem Ende zu und so ist es wieder Zeit den drit-ten Rundbrief an Sie und euch zu verschicken. An diesen Rundbriefen merke ich immer wie schnell die Zeit hier verfliegt! Bald bin ich schon drei Monate in Douala, das heißt ein Drittel meiner Zeit ist hier schon um...
Ich habe in meinem letzten Brief vergessen zu er-wähnen, wo ich eigentlich wohne. Ich wohne als ers-te Praktikantin direkt in der Familie von M. Prinz Kum?a Ndumbe III. Das hat zum einen damit zu tun, dass er gerade sein zweites Haus renoviert hat und zum zweiten auch bisschen mit der politischen Lage, somit auch Sicherheitslage für mich.
Das ist kein Grund sich Sorgen zu machen, aber man sollte manchmal lieber ein wenig vorsichtiger sein.
Für mich ist aber die Wohnsituation sehr angenehm, denn unsere beiden Häuser befinden sich direkt ne-ben AfricAvenir. In einem der beiden Häuser esse ich, lebe mein Familienleben aus und in dem ande-ren Haus schlafe ich, kann mich ungestört in mein kleines Reich zurückziehen, was für mich manchmal absolut notwendig ist! In der afrikanischen Kultur kennen dieses Gefühl eigentlich nur sehr wenige, denn man hat am liebsten immer ganz viele Men-schen um sich herum... Meine kleine Familie besteht also aus Monsieur und Madame Kumá Ndumbe III, Auguste und Sita. Sita ist eine direkte ältere Cousine von Madame Kumá Ndumbe III, eine absolute Per-sönlichkeit und eine wunderbare Köchin. Sita kann eigentlich nur Duala und wie ich gerade herausge-funden habe auch noch Pidgin-Englisch sprechen und unsere Unterhaltungen auf Franzosikh sind manchmal aufnehmenswert! Neben diesen festen Familienmitgliedern gibt es aber immer noch ganz viele, die oft zu Besuch kommen und einfach mal mitessen, den Abend mit uns verbringen und dann wieder nach Hause fahren.
Abends gebe ich jetzt oft "meinem Bruder" Auguste Deutsch- und Englischnachhilfe. Wir beide verstehen uns wirklich super und es schön für mich nicht wieder das absolute Einzelkind zu sein! Also finden unsere Unterhaltungen immer auf Englisch für ihn, Franzö-sisch für mich und ab und zu schon mal ein paar Brocken Deutsch, was ihm aber noch sehr schwer fällt. Er ist der Neffe von Madame Kumá Ndumbe III und lebt bei uns wie ein Sohn der Familie, da seine Eltern die Schule nicht bezahlen können. Das ist auch Beispiel für den großen Zusammenhalt und Verbindung in den afrikanischen Familien: Wer mehr hat, der hilft, gibt den anderen. Ist einer in Not, kann er auf die Hilfe des anderen zählen, genauso, wie er dem anderen später wieder helfen wird. In einem Land, in dem es so gut wie kein Sozialsystem vor-handen ist, ist das die beste Kranken,-Lebens,-Haftphflicht- und sonstige Versicherung.
Mir passiert jetzt immer wieder ein ganz bestimmtes Erlebnis. Ich sitze z. B. im Taxi und auf einmal, spricht die Frau hinter mir mich mit meinem Namen an und mitten in der Innenstadt schüttelt mir ein fremder Mann die Hand und ruft mich wieder bei meinem Namen ... Die ersten Male habe ich mich noch erschreckt und dachte um Himmelswillen, wa-rum kennen die mich jetzt und ich sie aber überhaupt nicht! Bald habe ich aber verstanden, dass all diese Menschen Mitglieder meiner großen Familie in unse-rem Dorf Bonabéri sind! Bonabéri ist ein Stadtteil Douala , der etwas abgelegen hinter der Brücke über den Wouri liegt, darum wird es oft liebevoll als Dorf bezeichnet. Durch meine Arbeit bei AfricAvenir, mein Zuhause beim Prinzen Kumá Ndumbe III und vor allem durch meine Teilnahme am Chor, bin ich jetzt glaube ich so ziemlich im ganzen Stadtviertel be-kannt. Wenn ich durch die Strassen gehe, werde ich oft gegrüßt, von irgendwelchen Chormitgliedern, die ich noch gar nicht kenne oder wieder von einem ent-fernten Onkel, Tante oder Cousine meiner, für mich noch immer sehr, sehr unübersichtlichen riesigen Familie. Das was mich bei meinem Vater in Hitzacker manchmal schon sehr genervt hat, passiert mir nun selber hier. Vielleicht liegt das den "Lehmanns" im Blut... Ich werde aber nicht nur gegrüßt, mir wird nicht nur einen guten Abend gewünscht, sondern ich wer-de immer mit "ma fille" - meine Tochter - angespro-chen. Auch andere erzählen mir, wenn ich vorbei gehe, dass die Leute oft auf Duala sagen, da ist "notre fille" -unsere Tochter. Für mich ist das ein gro-ßes Geschenk, ein Gefühl, das mich hier wie zu Hause leben lässt. Und wieder kann ich in diesen kleinen Situationen den direkten Austausch mit den Menschen erleben, einen wirklichen für viele neuen Austausch unserer Kulturen.
Denn das Bild, das so viele in einem Weißen haben, finden sie in mir nicht. "Der" Weiße ist schon oft der mit dem dicken Auto, den man eigentlich nur vom Weg vom Hotel bis zum Mercedes sieht. "Der" mit dem vielen Geld, der in der Chef-Etage sitzt und somit nie mit dem größten Teil der Bevölkerung in Kontakt kommt, also unerreichbar ist. Auf einmal bin ich aber mitten drin, darf ganz nah an ihrem Leben teilnehmen und einen für viele immer noch tiefen Graben überqueren. Dieser Austausch ist glaube ich für beide Seiten sehr, sehr wichtig und erfüllend. Außerdem ist es für mich mich hier in Bonabéri noch viel sicherer, weil mich so viele kennen, mir jederzeit helfen würden und ganz einfach immer ein Auge auf mich haben...
Vor einigen Tagen bekam ich eine E-Mail von mei-nem Vater, dass ein alter Freund nach langer Krankheit im Alter von 93 Jahren verstorben ist. Mein Vater und seine Frau waren bei ihm, als er einschlief - sein einziger Sohn hatte keine Zeit zu kommen. Am Telefon war es dann ihm wichtiger von den nun auf ihn zukommenden Kosten und organisatorischen Angelegenheiten zu sprechen, als zu hören wie es seinem Vater bis zu seinem Tode ergangen war... Später soll dann die Urnenbeisetzung folgen, wie viele Menschen zu Beerdigung kommen ist fraglich.
Szenenwechsel auf einen anderen Kontinent: Ich fuhr mit meiner Maman II ( Madame Kumá Ndumbe III) und Joli (Meinem Lieblingsneffen der Familie) das erste Mal auf eine " afrikanische Beerdigung". Doch was in Deutschland an einem Tag ein Gottesdienst mit anschließender Bestattung ist, das zieht sich in Afrika über Tage, manchmal Wochen hin. Dieser Abend war dazu bestimmt unser Beileid zu bekun-den. Die Verstorbene war eine Cousine unserer Fa-milie, die ihre Mutter, ihren Mann und Kinder hinter-lassen hatte. Gegen 20 Uhr sind wir in die Stadt gefahren, über den Wouri-Fluss in den Stadtteil Ak-wa. Ich wusste, dass zu so solchen Anlässen viele Menschen kommen werden, aber was ich dann ge-sehen habe, hätte ich mir nie vorstellen können: Zu diesem Anlass war eine ganze Strasse gesperrt wor-den, unter einem Art langgestreckten Pavillon stan-den unzählige Stühle, die Luft war erfüllt von Gesang und Gebeten. Als erstes gingen wir durch einen Hin-terhof in ein Haus, wo der Sarg aufgebart stand, die engsten Familienangehörigen befanden sich im glei-chen Raum und schüttelten den endlos an ihnen vorbeiziehenden Menschen die Hände, wurden in den Arm genommen und konnte so ihr Leid mitein-ander teilen. Danach gingen wir in ein anderes Haus, wo sich die Mutter der Verstorbenen befand. Sie war umringt von ihren engsten Verwandten, seit dem Tod ihrer Tochter wurde sie nie auch nur eine Sekunde alleine gelassen und das würde auch nicht in den nächsten Wochen der Fall sein. Diese alte Frau hatte seit dem Tod ihrer Tochter fast nichts mehr geges-sen, brach immer wieder in Tränen aus und mussten von ihren Liebsten gehalten werden. Als wir dann auch dort unser Beileid durch unsere Anwesenheit ausgedrückt hatten, gingen wieder nach draußen und nahmen unter dem Pavillon auf den Stühlen platz, die für unseren Teil der Familie bestimmt war. Es wurde ganz viel gesungen, vor allem von dem Chor der Verstorbenen, es wurde gebetet, es wurden Re-den gehalten und es wurde in Stille gesessen. An diesem Abend waren insgesamt über 1.000 Men-schen anwesend!!! Am nächsten Tag der Beisetzung wurden dann noch mehr erwartet... Bei dieser Feier handelte es sich nicht um einen Ausnahmefall, um eine Frau die besonders bekannt war, sondern um eine Frau, die von ihrer Familie geliebt wurde, die im Kirchenchor gesungen und sich ehrenamtlich enga-giert hatte.
Die Toten sind in Afrika nicht tot. Sie leben als Ahnen weiter, nicht sichtbar, man kann sie nicht anfassen, aber sie sind da! Sie können die Lebenden unterstüt-zen, ihnen zur Seite stehen, aber auch wenn sie nicht zufrieden gestellt, sind Unheil anstellen. Auch wenn das Christentum sich natürlich mit diesem Glauben sehr stark vermischt hat, so kann ich doch bei einer solchen Feier etwas davon spüren. Und auch das der Mensch niemals alleine ist, immer ist die Familie, sind die Freunde und Bekannten da und das über den Tod hinaus. Und darum ist es auch so wichtig viele Kinder zu bekommen, denn wenn man nicht erinnert wird, wenn es keine Nachkommen gibt, die so eine große Feier veranstalten, dann gerät man in Vergessenheit und das bedeutet dann den wirklichen Tod!
Und was hat das nun mit dem alten Freund meines Vaters zu tun? Mir wurde nur wieder bewusst, was wir in unserer europäischen Kultur verloren haben. Durch Fortschritt, technische Errungenschaften, bes-sere Lebensverhältnisse, mehr Sicherheit, etc. ....?
Die Familienstruktur hat sich dabei aufgelöst, die alten Menschen stehen nicht mehr mitten im Leben, sondern werden notgedrungen an den Rand ge-drängt, meistens aus Zeitmangel. Die jüngere Gene-ration ist meistens einfach zu beschäftig, um sich um alle Familienmitglieder zu kümmern. Ich weiß, dass das Beispiel dieses Freundes nicht die Norm dar-stellt, aber es auch auf jeden Fall kein Ausnahmefall. Dagegen wird mir oft bei einem Besuch in einer ka-merunischer Familie irgendwann die Großmutter und der Großvater vorgestellt und wenn es nur das Foto ist. Und durch solche Erlebnisse in dieser Kultur wird mir wieder bewusst, wie wichtig dieser Austausch zwischen den Generationen ist, bestimmt auch be-sonders beeinflusst durch die Erfahrungen mit meiner Oma in Deutschland. Und das ist etwas was wir vielleicht von der afrikanischen Kultur lernen können, dass wir in einem Deutschland, in dem die Menschen immer älter werden, uns wieder mehr Zeit für einan-der lassen: Zeit für einen Austausch, gegenseitiges Lernen und die Gemeinschaft in der Familie.
Und dann habe ich in diesem Monat wieder einen kleinen Ausflug gemacht. Diesmal nicht in die Groß-stadt Yaundé sondern in die ganz andere Richtung - nämlich aufs Dorf. Wenn jemand in Kamerun vom Dorf spricht, dann ist das nicht irgendein ein Dorf, sondern "sein" Dorf. Das heißt das Dorf, in dem die Wurzeln liegen, von dem die ganze Familienge-schichte ausgeht und zu dem man immer irgendwann zurückkehren wird, wenn nicht als Lebender, dann bestimmt um dort begraben zu werden. Ich habe schon Kameruner kennensgelernt, die seit mehreren Generationen in z. B. Douala leben, aber immer noch in dieses Dorf der Urväter zurückkehren.
Ich wurde von Téclaire (meiner "Kollegin" bei AfricA-venir) eingeladen sie auf ihr Dorf zu begleiten. Ei-gentlich wollten wir schon am Freitag Abend los und bis Sonntag bleiben, aber da ich mal wieder nicht auf einer Beerdigungsfeier mit meinem Chor fehlen durf-te, mussten wir das auf den nächsten Tag verschie-ben. Am Samstag Morgen habe ich mich dann also 5.45 Uhr aus dem Bett gequält um pünktlich, wie verabredet, in 45Min fertig gepackt für der Tür zu stehen. Da stand ich dann auch, aber hatte mal wie-der nicht mit der afrikanischen Zeit gerechnet.... Eine Stunde später hat mich dann meine liebe Teclaire schlafend auf dem Sofa vorgefunden. Also ging es dann mit "einiger" Verspaetung endlich los, nachdem wir dann auch die Schwester besuchten, ein Brief für eine Freundin abgeholt wurde und natürlich noch diverse Mitbringsel vom städtischen Markt gekauft wurden. Ich war schwer ausgerüstet mit Moskito-Netz, ganz viel Autan, lange weiße Hemden und Trinkwasser, wie auf einer richtigen Expedition! Das Taxi war mal wieder brechend voll, aber das kann mich ja nun nicht mehr erschüttern, so lange der Fahrer nicht meint sich mit unserem Schuhmacher messen zu müssen, denn dann wird mir schon immer ein bisschen anders... Die Fahrt sollte eigentlich nur 15 Minuten dauern, was mir schon sehr knapp ein-geschätzt vorkam. So waren wir dann auch erst nach einer guten 45 Minuten am Ziel, in unserem Dorf Dibombari angelangt. Und nach dieser kurzen Fahrt hatte ich wirklich das Gefühl in einer anderen Welt gelandet zu sein. Alles hektische, der Stress den ich mir letzter Zeit gemacht hatte, die ganze Anspan-nung fiel auf einmal von mir ab, weil hier einfach kein Platz dafür war! Ich konnte mich in dieser ländlichen Gemütlichkeit, wo alles ein wenig langsamer vor sich geht, richtig fallen lassen... Das Dorf ist viel weitläu-figer als die Stadt, denn wo sich in Douala mehrere Familien ein kleinen Hof teilen, so hat hier in der Regel jede Familie neben ihrem Haus auch einen eigenen Garten. Zu einem Haus gehört auch immer das Küchenhaus: Die Küche befindet sich fast immer außerhalb der Schlaf- und Wohnräume. Einen E-lektro- oder Gasherd habe ich bei meinem kurzen Aufenthalt nicht gesehen, sondern alles wurde über dem Feuer auf drei Steinen gekocht. Über dem Feuer befinden sich auf einem Holzgestell noch einmal ganz viele verschiedene schwer zu beschreibende Lebensmittel, die so täglich mit geräuchert werden. Eines davon nennt sich ..... und wird wie der Miondo auch aus Maniok hergestellt, in Palmenblätter gewi-ckelt und so lange auf diese Weise geräuchert, dass er eine trockene Substanz bekommt: Zusammen mit den immer beliebten frisch gerösteten Erdnüssen - einfach köstlich!!! Die Küche wurde mein Liebling-sort, einfach auf den kleinen Holzhockern sitzen, supersüße Babys auf den Knien schaukeln, sich unterhalten oder nur dem Duala lauschen, kleine Köstlichkeiten schnaseln und vor allem den Köchin-nen auf die Finger gucken. Wenn ich wieder bei Ih-nen/ euch in Deutschland bin, muss ich Sie/euch doch ein wenig mit der afrikanischen Küche verwoh-nen können! Nach der kurzen Nacht und durch mei-ne plötzliche innere Entspannung habe ich dann seit langem wieder einen wunderschönen Mittagsschlaf gehalten. Gleich nach dem Aufwachen hieß es Handtuch packen und los ging's zum Waschen an den Fluss. Es gibt zwar jetzt überall im Dorf Wasser-pumpen, aber trotzdem wollte man mir doch gerne den richtigen Fluss, Quelle zeigen. Der kleine Spa-ziergang durch diese wunderschöne Tropenland-schaft war für mich wieder total beeindruckend und ich bin langsam dabei, immer mehr Pflanzen ihrem Namen und vor allem auch ihrer Verwendung zu ordnen zu können. Bis zum Wasser muss man dann einen schon sehr steilen Hang hinunter klettern und dann befanden wir uns in meinen Augen mattem im Paradies. Den Himmel konnte man vor lauter Pal-men, Lianen und anderen üppigen Pflanzen nicht mehr sehen, die Luft war erfüllt von Grillen und Vo-gelgeschrei und vor uns lag dieser kleine See, den die Quelle gebildet hatte, bevor sie als Bach weiter-floss. Das Wasser war herrlich kühl und bald spran-gen wir Mädels, nackig wie die Natur uns geschaffen hat, im Wasser herum. Endlich mal wieder im Was-ser zu sein war für mich herrlich und tausendmal schöner, erfrischender als jede Dusche!
Am Abend sind wir zum NGondo gegangen, der ge-rade in diesem Dorf begonnen hatte. Der NGondo ist das größte traditionelle Fest der Küstenvölker zu denen ja auch die Douala gehören. Der NGondo fängt im November an und hat seinen Abschluss und Höhepunkt am 7. Dezember, dem ersten Sonntag im Dezember, in Douala. Bei diesem kleinen lokalen NGondo wurde entschieden, wer später in Douala die Region vertreten dürfe. Zu diesem Anlass waren alle traditionellen Chefs der Umgebung gekommen. Es wurde ein riesiger Platz abgesteckt, in der Mitte fanden die traditionellen Kämpfe statt, alles wurde von Tanz und Musik begleitet - und ich war wieder so beeindruckt und dankbar mitten drin sein dürfen, diese so stark gelebte Kultur miterleben zu können und habe mal wieder so viele unbeschreibliche Bilder gesammelt. Die genaue Beschreibung und Bedeu-tung des NGondos folgt in meinem Dezember-Rundbrief, wenn ich dann alle Festlichkeiten, vor allem auch die in Douala erlebt habe. Am nächsten Morgen habe ich herrlich ausgeschlafen, das heißt fast bis 8.30 Uhr - mein Schlafrhythmus hatte sich schon sehr dem Klima und Lebensgewohnheiten in Kamerun angepasst. Dann folgte wieder der obligato-rische Kirchengang, an den ich mich schon so ge-wöhnt habe, dass ich mir einen Sonntag ohne ihn fast nicht mehr so richtig vorstellen kann. Den restli-chen Teil des Morgens habe ich dann in der Küche gekocht. Denn ich wollte doch nun endlich lernen wie man meinen geliebten "poisson braisé" (gegrillter Fisch) macht. Alles war doch ein wenig komplizierter (so viele verschiedene, mir völlig unbekannte Gewür-ze!), als ich mir das vorgestellt hatte, aber ich war mit "meinem" Ergebnis höchst zufrieden. Nach einem weiteren längeren Mittagsschlaf sind wir dann wieder in Richtung Douala aufgebrochen, nicht ohne or-dentliche Mitbringsel vom Dorf für unsere Stadtbe-wohner mitzubekommen.
In diesen zwei Tagen habe ich vor allem wieder die-se Herzlichkeit, Offenheit und Gastfreundschaft der Menschen wahrgenommen. Die Bereitschaft mir alles zu zeigen und meine vielen Fragen zu beantworten. Was aber oft den Austausch oder ein stärkeres Teil-nehmen meinerseits erschwert hatte, war die Sprachbarriere. Natürlich kann jeder Französisch, aber untereinander wird halt konsequent Duala ge-sprochen - Gespräche mit mir finden dann wie in einer Fremdsprache statt oder es muss extra ständig übersetzt werden. Ich bin jetzt langsam ernsthaft am Überlegen auch noch Duala zu lernen, die ersten Wörter kann ich ja schon (z.B. Nassem dschita - Vielen dank). Aber erst mal muss ja mein Franzö-sisch weiter poliert werden, denn das hat es auch noch sehr nötig!
Und nun möchte ich natürlich von meiner Arbeit bei AfricAvenir (AA) berichten. Das ich von ihr als letztes berichte hat nicht damit zu tun, dass ich die anderen Erlebnisse als viel wichtiger betrachte, sondern das ich an meinem Rundbrief wie an einem Tagebuch schreibe, alle paar Tage ein wenig mehr. Der Ar-beitsbericht wird dann am Ende des Monats zusam-mengefasst.
Straße in Duala
Ich habe mich jetzt langsam an die Verantwortung und an die ganzen neuen Aufgaben gewöhnt. Meine neue Einstellung lautet: "Kann ich nicht, gibt es nicht!!!" So versuche ich auch zu handeln. Auch wenn mich noch einige Sachen einfach überfordern oder ich mich mit manchem noch sehr alleine fühle, geht es mir insgesamt mit allem jetzt schon sehr viel besser. Ich habe einfach eine Strategie entwickelt, in der ich mir immer sage, das es doch toll ist so viel Verantwortung, Aufgaben und vor allem Vertrauen der anderen in meine Arbeit zu haben, als davor wegzurennen oder mich ständig unter Anspannung, Stress und Druck zu fühlen. Das klappt natürlich noch nicht immer... Auch die Zusammenarbeit mit Téclaire hat sich verbessert, wobei man hier oft alles mehrmals wiederholen muss bis es dann auch klappt, denn wenn ich mal etwas abgegeben habe, gab es meistens wieder irgendeinen Grund warum es nicht funktioniert hat! Oder ich verabrede mich und sie kommt nicht, weil sie es vergessen hat, weil das Haarflechten doch länger gedauert hat oder die Oma ganz plötzlich krank geworden ist. Meine Geduld ist dann manchmal sehr an der Grenze, aber sich auf-regen hilft dann auch nicht viel weiter, denn auf Pünktlichkeit wird in dieser Kultur einfach nicht so viel Wert gelegt!! Mein Arbeitsalltag hat sich im Grunde nicht viel verändert. Ich arbeite immer noch eng mit den Finanzen in der Garage mit, die im Mo-ment unser großes Sorgenkind hier ist. Eigentlich ist sie so konzipiert, dass sie mit ihren Einnahmen, dis Arbeit von AA unterstützen kann, vielleicht sogar später ganz übernehmen könnte. Das funktioniert im Moment leider noch gar nicht, denn durch fehlendes Management und immer wiederkehrende Korruptio-nen machen das Erwirtschaften von größeren Beiträ-gen wirklich schwierig. Ich fertige also die Tabellen am Computer an und fast täglich werden die Ein-nahmen zusammen mit M. Nyame überprüft und genau festgehalten. Daneben bin ich immer noch am vervielfältigen von Texten, das heißt ich tippe oder scanne jeden Morgen für ein oder zwei Stunden ver-schieden Manuskripte, die dann jetzt bald zu den Verlegern geschickt werden sollen.
Im November war Prof. Kum?a Ndumbe III wieder eine lange Zeit in Europa, hat viele Konferenzen gehalten, eine Fernsehsendung in der Schweiz mit-gestaltet und seine Studenten mit der mündlichen Prüfung an der FU-Berlin in das Berufsleben entlas-sen. Wenn er nicht da ist, bin ich immer für vieles zuständig, das heißt all die kleinen Fragen müssen mitbeantwortet werden oder Leute empfangen, die ihn sehen wollen, diese dann auf später vertrösten usw.. Anfang November habe ich angefangen mein erstes richtiges kleines Programm zu gestalten. Das heißt nicht nur mit Kino, sondern auch mit Theater, Musik und Tanz. Außerdem sollte auch gerade das Kino-Programm etwas mehr gemischt werden. Durch die Erfahrungen mit meinen ersten Film-Vorführungen, habe ich gemerkt, dass die Jugend und auch viele Erwachsene, gar kein richtiges Inte-resse an eigenen afrikanischen Produktionen haben. Sie werden durch die Medien, so sehr mit vor allem amerikanischen, europäischen und sued-ost-asischen Filmen versorgt, dass sie das Interesse für anderes meistens verloren haben. In diesen Filmen muss es vor allem um eines gehen: Action und manchmal auch ein wenig Liebe. Also habe ich nun versucht die Filme ein wenig zu mischen - z.B. "Mat-rix Reloaded" (USA) und "TGV-Express" (Senegal). Für den ersten 1. Dezember ("Welt-Aids-Tag") haben wir uns ein richtig kleines Programm ausgedacht. Das heißt erst Filme mit anschließender Diskussion, dann ein Theaterstück über die Aids/HIV-Problematik und danach einen Poesie-Abend. Das heißt jeder kann seine Gedanken, Gefühle, Ängste, die mit Aids/HIV zu tun haben in Gedichten festhalten und sie so mit anderen teilen. Ich bin gespannt wie das von den unseren Besuchern angenommen und vor allem ob durch selbstgeschriebene Gedichte auch der Abend mitgestaltet wird, aber davon dann ja im nächsten Rundbrief!
Vor seiner Abreise hat mir der Professor ein kleines Budget zur Verfügung gestellt, über das ich für meine aktuelle Arbeit frei verfügen konnte. Ich habe mich daran gemacht mit "Microsoft Publisher" das Pro-gramm zu entwerfen. Das hat natürlich bei mir alles ein wenig länger gedauert, da das für mich mal wie-der ein "erstes" Mal war. Dann musste der Kontakt mit den Tanzgruppen und der Theatergruppe aufge-nommen werden. Das heißt zu ihren Veranstaltun-gen gehen, die Verantwortlichen sprechen, wenn sie dann da sind, Termine vereinbaren, die dann wieder verändert werden müssen, das Geldproblem erör-tern... Was ich mir viel leichter und schneller zu erle-digen vorgestellt hatte, zog sich über eine ganz schön lange Zeit hin und so musste das Programm mehrmals nach hinten verschoben werden. Doch endlich stand dann alles zwischen dem 20. Novem-ber und 20. Dezember fest. Mit der Hilfe eines ehe-maligen Mitarbeiters, der mal wieder eine dieser be-rühmten, privaten "Connections" hatte, konnten wir das Programm mit fast 2.000 Exemplaren sehr güns-tig drucken. Gedruckt sieht es meiner Meinung nach schon richtig "professionell" aus! Dann sind Téclaire und ich durch die Strassen von Bonabéri gezogen und haben die Programme in Internet-Cafés, Tele-boutiquen, Restaurants, Geschäften und an Passan-ten verteilt.
Foto aus dem Ínternet (k-L.)
Einen ganzen Tag hatten wir uns dann vorgenom-men, alle Schulen in Bonabéri zu besuchen und dort unsere Programme zu verteilen, vor allem aber auf-zuhängen. Um das Programm zu verteilen, muss man sich ja immer erst wie in jeder Schule die Er-laubnis des Verantwortlichen holen und sein Pro-gramm und Vorhaben vorstellen. Für mich war das mal wieder ein Eintauchen in eine komplett andere Welt - die Welt des kamerunischen Schüler. In Kame-run gibt es die Schul-Uniform-Pflicht. Also betritt man dann diese teilweise riesigen Lycées oder Colleges und ist dann umgeben von einem Meer aus, weiss-braun, grün-blau oder grau angezogenen Schülern, die natürlich alle sehr neugierig sind, was wir hier denn so machen... Wenn wir uns dann bis zum Di-rektor oder einer anderen Schulpersönlichkeit durch-gefragt hatten, stießen wir dann auf die unterschied-lichsten Reaktionen. In einem Lycée mussten wir gleich unsere ganze Arbeit vor einigen Klassen vor-stellen - beim ersten Mal hatte ich noch wackelige Knie und Herzklopfen, danach fing es mir richtig an Spaß zu machen! In einem anderen versprach uns der Lehrer gleich am nächsten Abend zu kommen, ein anderes wiederum konnten wir gar nicht erst be-treten, weil uns das Schultor gleich wie in einer Fes-tung vor der Nase zugeknallt wurde. Die ganzen Wege haben wir dann wieder auf "meinen" Motors zurückgelegt, weil die Strecken, gerade auch wegen der Hitze nicht zu Fuß nicht zu bewältigen sind. A-propos Hitze, ich dachte, dass ich mir in meiner Zeit in Kamerun schon eine gewisse Bräune zugelegt hätte, aber an diesem Tag habe ich so einen heftigen Sonnenbrand bekommen - autsch!
Das Wetter wird im Moment immer heißer, weil die Regenzeit nun wirklich zu Ende geht. Ich habe hier schon ein, zwei Gewitter erlebt, wo ich glücklich war morgens noch ein Dach über dem Kopf zu haben: So einen gewaltigen Donner mit gleichzeitigen Blitzen und dazu noch dieser sinnflutartige Regen habe ich mir nicht vorstellen können! Es regnet zwar jetzt noch ab und zu, aber die Sonnentage nehmen immer mehr zu. Die Temperaturen liegen immer so um die 30C°, wobei es abends aber gottseidank ein wenig abkühlt und besonders morgens kann ich im Bett fast ein wenig frösteln. Es weht aber immer ein recht kräftiger Wind, da Douala ja am großen Fluss Wouri liegt und vor allem das Meer nicht weit entfernt ist. Dadurch gibt es fast nie diese stehende Hitze, wie in Deutschland einem heißen Hochsommertag. Insge-samt liegt die Luftfeuchtigkeit aber bei über 85%, das heißt bei jeder schweren körperlichen Tätigkeit, bekommt man gleich einen totalen Schweißausbruch. Ich habe jetzt auch verstanden, warum es an jeder Ecke so viele Taschentücherverkäufer gibt. Dachte ich anfangs noch, dass die Kameruner chronisch an Schnupfen leiden, so habe ich jetzt auch an mir selbst herausgefunden, dass sie nicht für die Nase, sondern viel mehr für die "feuchte" Stirn gedacht sind!! Insgesamt genieße ich aber dieses Tropenkli-ma, bemitleide immer alle in Deutschland, wenn ich auf die Weltwetterkarte im Fernsehen schaue...
So, das war der November-Bericht und ich möchte auch diesen Brief wieder mit einem herzlichen Dan-keschön an alle meine Unterstützer abschließen!
Ich wünsche allen eine wunderschöne Adventszeit und Weihnachtsfest, ohne zu viel Stress und Hektik (Ich habe hier von Weihnachten noch gar nichts mit-bekommen!) und wieder die sonnigsten Grüße,
Ihre und Eure Julie - Marthe Lehmann
Rundbrief Nr. 4
Douala / Kamerun Januar 2004
Douala, 10.01.04
Lieber Unterstützungskreis,
aus dem Internet k.L.
zu allererst wünsche ich Ihnen und euch ein wunder-schönes neues Jahr!! Bevor ich nun wieder auf mei-ne persönlichen Erlebnisse in Sachen Kultur, Traditi-on, Alltag, Weinnachten usw. eingehe, möchte ich noch einmal betonen, dass dieser Teil einen so gro-ßen Raum, besonders in diesem Rundbrief ein-nimmt, weil er mir neben meiner Arbeit einfach am wichtigsten erscheint. Ich glaube, dass ich mit mei-nen ganz persönlichen Erfahrungen, den kleinen alltäglichen Gegebenheiten, meine Einblicke in das kulturelle Geschehen, Sie und euch, die mir das ja alles ermöglichen, sehr direkt an meinem Aufenthalt daran teilhaben, und vor allem daran mitprofitieren lassen kann.
Mein Alltag wird von der Arbeit bestimmt, die mich immer sehr ausfüllt, aber im Dezember hat sich nun schon wirklich eine gewisse Routine dort eingeschli-chen. Das heißt, es müssen die täglichen Arbeiten erledigt werden, wie zum Beispiel die Kassenführung der Garage, Koordination und Organisation der In-formationsbörse (Zeitschriftensaal), Computerarbei-ten, Korrespondenz mit Europa, vor allem Deutsch-land und vor allem die Arbeit von AfricAvenir im neu-en Jahr muss vorbereitet werden. Denn meine Zeiten der ?Einsamkeit? bei AfricAvenir sind nun wirklich vorbei. Durch das PARIC-Programm haben wir die Möglichkeit, Kameruner, die in Deutschland studiert haben, bei uns einzustellen. Dieses Programm fi-nanziert deren Arbeit als Eingliederungsmaßnahme in der Heimat bis zu zwei Jahren, plus die Einrichtung des Arbeitsplatzes. Das ist für uns als Stiftung, die immer an Geldmangel leidet, natürlich eine wunder-bare Möglichkeit, qualifizierte Fachkräfte einzustellen, die sogar noch die deutsche Sprache beherrschen, die neben Französisch in unserer Arbeit am wichtigs-ten ist. AfricAvenir befindet sich im Moment also in einer Phase der absoluten Neustrukturierung ? und orientierjung. Vieles wird sich erst in den nächsten Tagen klären, es finden nun ständig weitere Vorstel-lungsgespräche statt und wir sind dabei einen Infor-matiker, einen Ingenieur, einen Elektrotechniker und eine Ernährungswissenschaftlerin einzustellen. Au-ßerdem soll nun endlich auch wieder die große Dru-ckerei von AfricAvenir geöffnet werden. Meine kon-krete Arbeit wird sich nun in diesem neuen Gefüge in den nächsten Tagen herauskristallisieren, aber wie es scheint werde ich in den nächsten Monaten sehr eng mit dem Prinz Kum?a Ndumbe III zusammenar-beiten. Wir arbeiten daran weitere seiner Publikatio-nen zu veröffentlichen und wollen vor allem ein Pro-gramm von AfricAvenir zu verwirklichen, das sich ?Exchange and Dialoge? nennt. Dieses Programm besteht aus zwei Komponenten: zum einen sind es organisierte Bildungsreisen und zum anderen sind es Studienprogramme. In diesen Studienprogrammen soll es Studenten, aber auch Auszubildenden ermög-licht werden bei AA in den verschiedensten Berei-chen mitzuwirken: z. B. als Automechaniker in unse-rer Werkstatt, als Drucker in der Druckerei, natürlich als Politikwissenschaftler, Informatiker, Historiker.... Mit diesem Programm soll ein echter Austausch statt-finden, ein Austausch zwischen verschiedenen Kultu-ren, Arbeitsweisen, etc. Der nächste Rundbrief wird also ganz Zeichen meiner ?Arbeit? stehen, der hiesige dafür eher für meine Erlebnisse und Erfahrungen mit der Kultur in all den verschiedenen Facetten, denn der Dezember ist auch, der für die Küstenvöl-ker Kameruns am wichtigste Monat.
Aber zuerst eine kleine Zusammenfassung meines Kulturprogramms im Dezember. Der 1. Dezember
s. africavenir.org
stand bei AfricAvenir im Namen des ?Welt-Aids-Tages?. Wir hatten ein Programm mit Filmen, Theater und Poesie-Abend gestaltet. Nachmittags zeigten wir also ein Kinoprogramm mit zwei Filmen, die vor allem die Jugendlichen ansprechen sollten. Beide sprachen über die Problematik, das gerade junge Mädchen und Kinder, leicht Opfer von Tätern werden, die durch große Versprechungen, aber vor allem Geld, ihre Opfer verführen. Hier in Kamerun ist Aids ein riesengroßes Problem, welches jeden Tag neu Tote fordert. Es gibt erschreckende Statistiken, besonders unter den neu infizierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Es werden viele Kampagnen gestar-tet und eigentlich ist dieses Thema, zugmindesten in den Großstädten wie Douala und Yaundé, präsent. Aber was von der Bevölkerung nur schwer ange-nommen wird, ist der einzige Schutz, die Verhütung, das Kondom. Zum einen liegt es wirklich an der per-sönlichen Verweigerung, zum anderen aber vor allem auch an der Armut der Menschen. Wer sich gerade jeden Tag nur so über Wasser hält, wird widerwillig Geld für dieses Bedürfnis ausgeben wollen. Am A-bend hatten wir dann eine Theatergruppe eingela-den, die sich mit diesem Thema auseinander setzte. Nach der Vorführung überließen wir dann den ein-zelnen Poeten das Wort und es kamen wirklich einige sehr bewegende Vorträge zusammen. Als Danke-schön wurden alle mit einem ?AfricAvenir?-Buchpaket belohnt. Während der Woche hatten wir ein sehr gemischtes Kinoprogramm mit afrikanischen, aber vor allem auch amerikanischen und europäischen Produktionen. Denn wie wir aus der Vergangenheit gelernt hatten, interessiert sich der große Teil des Publikums nur für diese Produktionen. Da wir nun das Programm so weit aufgemischt hatten, hofften wir mehr Menschen erreichen. Doch was sich bei allen Aktivitäten, so auch bei den Tanzabenden, als sehr schwierig herausgestellt hatte, war die richtige Öffentlichkeitsarbeit. Wir hatten zwar mehr als 2000 Programme verteilt, waren in allen Schulen gewesen und hatte vor AA immer mit großen Plakaten noch einmal auf die aktuellen Veranstaltungen aufmerk-sam gemacht, aber gut besucht waren alle Veranstal-tungen eigentlich nie... Für mich war dieses Pro-gramm eine erste kleine Herausforderung, gerade weil in der Zeit auch der Prinz Kum?a Ndumbe III in Europa war und ich so wirklich alles alleine machen musste. Aber im neuen Jahr ist es eine ganze große Aufgabe von allen, die Bevölkerung von Douala, besonders in Bonabéri für AfricAvenir zu sensibilisie-ren und somit die richtige Öffentlichkeitsarbeit zu finden.
Am ersten Freitag in diesem Monat habe ich hier einen kleinen ?Staatsstreich? geführt und bin meiner AA-Familie unwissender Weise in den Rücken gefal-len, habe alle fast in Angst und Schrecken versetzt! An diesem besagten Freitag hatten wir abends eine Tanzgruppe eingeladen und alles ist etwas schief gelaufen. Erst einmal kam die Gruppe viel zu spät und dann fehlte, das wichtigste Band-Mitglied ? der Gitarrist. Er hatte es sich ein paar Stunden vor der Vorführung doch anders überlegt und konnte nur nach längeren Überredungskünsten von seinen Kol-legen und M. Nyame zum Spielen überredet werden. Dann war es aber schon zwei Stunden nach dem angekündigten Termin und dem entsprechend, wa-ren kaum noch Zuschauer da..... Manchmal läuft halt alles anders als man es plant! Ich war also ein wenig frustriert und bin ich ganz spontan mit zwei jungen Männern, die öfters bei AA sind und mit denen ich schon einmal etwas unternommen hatte, etwas trin-ken gegangen. Meine ewige Begleitung Teclaire war zu müde ? also bin ich das erste Mal alleine los und habe mir nichts Böses dabei gedacht.